Vernichtigung

In dem Bericht über das letzte Zusammensein Jesu mit seinen Jüngern wird von einem eigentümlichen Vorgang erzählt, der auf das christliche Empfinden immer großen Eindruck gemacht hat. Es heißt da:

Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung. Es fand ein Mahl statt, und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn zu verraten und auszuliefern.
Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war. Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen? Jesus antwortete ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen. Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.
Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

Was bedeutet dieses Begebnis? … Im zweiten Kapitel des Philipperbriefes spricht Paulus über das, was in der Ewigkeit hinter der Menschwerdung steht. Da sagt er vom Sohne Gottes: “ Da er in Sein und Gestalt Gottes war, sah er es nicht für Anmaßung an, sich Gott gleich zu achten“ – denn er war es  – sondern seine Gesinnung war anders: „er vernichtigte sich selbst und nahm die Gestalt eines Knechtes an und ward in menschlicher Daseinsform erfunden.“ (Phil.2, 6-7) Hier wird vom ewigen Sohn Gottes gesprochen, der Gott war, dem Vater gleich, und dieser göttlichen Ebenbürtigkeit voll bewußt. in Ihm, in einer jeder Psychologie und Metaphysik unzugänglichen Tiefe, ist der Wille erwacht, sich selbst zu „vernichtigen“; sich dieses Seins in Glorie, dieser herrschenden Allfülle um unseres Willen zu entäußern. So ist er hinabgestiegen. Nicht nur auf der Erde, sondern auf eine Tiefe zu, die wir nicht ermessen können; eine furchtbare Tiefe und Leere, von der wir erst dann ein Empfinden bekommen, wenn einmal wirklich, innerlich an uns herantritt, was Sünde ist. Es ist die Vernichtigung des Opfers, das sühnt, erlöst und neu beginnt. …

Es gibt verschiedenerlei Nichts. Vor allem das einfache, klare, das gemeint ist, wenn man sagt, Gott habe die Welt aus Nichts erschaffen. Das bedeutet, dass Gott Alles war in Allem, und außer Gott eben nichts. Das blanke Nicht-Vorhandensein von irgendetwas. Dann kam der Mensch in die Prüfung und sündigte. Die Sünde bedeutete mehr, als dass er nur bloß „schuldig“ war. Der Mensch existiert nicht aus einfachem Vorhandensein wie der Stein oder das Tier., sondern auf das Gute hin. Im freien Gehorsam gegen Gottes Willen soll er sich verwirklichen. Als der Mensch gesündigt hatte, war er nicht das gleiche Wesen wie vorher, nur „schuldig“, sondern bis auf den Grund des Seins in Frage gestellt. Er hätte auf Gott hin leben sollen; statt dessen fiel er von Gott ab. Nun existierte er im Wegsturz von Gott auf das Nichts hin. Aber nicht auf das blanke, gute Nichts des Noch-nicht-da-seins, sondern auf die Zerstörung durch das Böse. Diese Zerstörung wird nie ganz erreicht, denn der Mensch, der sich nicht selbst geschaffen, kann sich auch nicht durch die Sünde aufheben; aber die Vernichtung wird zum Ziel, auf das die Seinsbewegung immerfort zustürzt. Diesen unendlich fernen, furchtbaren Punkt nun … musste Gottes Erlösung einholen. Natürlich nicht, indem er selbst sündigte, sondern indem er, wie Paulus sagt, sich selbst „entleerte“, „vernichtigte“. Die Hingabe seiner selbst in die Leere, in die Vernichtigung; nicht dem Sein, sondern der Gesinnung nach; auf der Linie, die das Wort „wer seine Seele festhält, wird sie verlieren; wer sie aber hergibt um meinetwillen, wird sie gewinnen“ (Mt. 10, 39) meint, ist das Opfer. Dass Gott in das Opfer eingetreten ist; nicht bloß der Mensch Jesus, sondern der menschgewordene Sohn Gottes; und zwar in das Opfer, wie es nach der Sünde möglich und notwendig wurde – das drückt sich in dem Begebnis aus, von dem wir sprechen: dass Jesus, der sich  Meister und Herr weiß, den Dienst des Knechtes tut. Hier wird jenes Nichts deutlich, in dem sich die Vernichtungsbewegung des Wegsturzes von Gott eingeholt und aufgehoben wird. Es ist jenes Nichts aus welchem die zweite Schöpfung hervorgeht: die Schöpfung des Gott zugewendeten, in der Gnade aufs neue heilig-wirklichen Menschen. …

Wenn die Jünger ratlos sind, so haben sie recht. Hier wird wahrlich alles umgestürzt. Vor dieser Tat sind die menschlichen „Umwertungen der Werte“ nur Kindereien. Wie ernst es aber Jesus meint, zeigt sein Wort an Petrus: „Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht … Wenn ich dich nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft zu mir“. In dieses Geheimnis der göttlichen Selbsthingabe muss Petrus eintreten, wenn er Anteil an Christus haben will. Es steht im Herzpunkt des Christentums. Darum sagt auch der Herr: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr tuet, wie ich an euch getan habe.“ Sie sollen nicht nur Bescheidenheit lernen und zum Dienst brüderlicher Liebe bereit sein, sondern in den Mitvollzug des Geheimnisses eintreten.

Jeder christlich Lebende kommt an den Punkt, wo ihn diese Forderung trifft, und er bereit sein muss, in die Vernichtigung mitzugehen: in das, was vor der Welt töricht, für das Gefühl unerträglich, dem Verstand sinnlos ist. Was es auch sei: Leid, Unehre, dass geliebte Menschen weggehen oder das Werk zerbricht. Dann entscheidet sich sein christliches Dasein: ob er in jene Tiefe mitgeht und so an Christus Anteil gewinnt. Und was ist das Anderes, wovor wir am Christentum zurückschrecken? Darum versuchen wir ja doch aus dem Christentum „Ethik“ zu machen, oder „Weltanschauung“, oder was sonst. Christsein ist aber der Mitvollzug des Daseins Christi. Daraus kommt allein der Friede. Der Herr sagt einmal: „Den Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“ (Joh. 14, 27) Friede kommt daraus, das der Sinn zu Ende gelebt wird. Die halben Dinge machen Unfrieden. Jene Bewegung auf das böse Nichts hin, die aus der Sünde kam, muss zu Ende gebracht werden. In irgendeiner Weise müssen wir jene Tiefe der Vernichtigung berühren, die Christus göttlich durchlebt und ausgeschöpft hat, wie es sich in den letzten Worten ausdrückt, die sagen, dass „es vollbracht ist.“ (Joh. 19, 30) Jenes Zu-Ende-Geführt-sein des Werkes, jene restlose Verwirklichung des Vaterwillens – daraus kommt der unendliche Friede, der in Christus ist. Auch uns kommt er nur daher, aus dem Mitvollzug des Geheimnisses.

Aus: Romano Guardini: Der Herr. Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi. Werkbund-Verlag, 1938

Bild: Ford Madox Brown. Die Fußwaschung von Petrus

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Wahlen, Versprechen und Aufnahme in Freiburg

Am 1. April hat die Generalversammlung der Fraternität „ Jordan von Sachsen“ einen neuen Gruppenrat gewählt:

Melanie Delpech wurde als Gruppenleiterin bestätigt. Neue Stellvertreterin ist Alexandra Parusel. Zusätzlich wurden drei weitere Ämter im Gruppenrat besetzt: das des Schriftführers, des Beisitzers für die Öffentlichkeitsarbeit und des Beisitzers für die Ausbildung. Wir danken allen für ihre Bereitschaft, Verantwortung für die Zukunft der Fraternität zu übernehmen.

Der neue Gruppenrat

Nach der Versammlung legte Christoph Trinn im Rahmen einer Eucharistiefeier mit dem Freiburger Dominikanerkonvent das Versprechen ab, drei Jahre nach der Regel der Dominikanischen Laiengemeinschaft zu leben.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen durften wir einen neuen Novizen in die Fraternität aufnehmen. Wir gratulieren Christoph zu seinem Versprechen und heißen Horst herzlich willkommen ins Noviziat der Dominikanischen Laiengemeinschaft.

 

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Wie ein einstmals dominikanischer Altar nach Irrungen und Wirrungen wieder dominikanisch wurde

Es war einmal ein Dominikanerinnenkloster im Städtchen Löwental, heute ein Stadtteil von Friedrichshafen am Bodensee. Johannes von Ravensburg-Löwental stiftete 1250 seine Burg den Dominikanerinnen von Konstanz  und trat gleichzeitig in das Konstanzer Dominkanerkloster ein – übrigens als verheirateter Mann. Das Kloster, das fortan den Namen von Ort und Stifter trug, wurde in den folgenden Jahrhunderten durch  Brände und den Dreißigjährigen Krieg mehrfach zerstört, jedoch immer wieder aufgebaut. Im Jahr 1687 wurde die barocke Kirche geweiht. Bis zur Säkularisation wuchs das Kloster beständig, besonders durch seine Apotheke, und besaß im Jahr 1695 64 Lehnshöfe. Kloster Löwental galt lange Zeit als eines der bedeutendsten Dominikanerinnenklöster des Bodenseeraums.

Altarbild des Löwentaler Hochaltars, heute in der Pfarrkirche St. Petrus Canisius in Friedrichshafen. Es zeigt die Übergabe des Rosenkranzs an den hl. Dominikus und die hl. Katarina von Siena

Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1806 aufgelöst und der gesamte Besitz fiel an das Haus Württemberg. Die Nonnen mussten trotz der ursprünglichen Zusage bleiben zu dürfen, einige Jahre später Kloster Löwental verlassen, weil König Friedrich von Württemberg, nach dem Friedrichshafen benannt wurde, es in eine Kaserne verwandeln wollte. Die Einrichtung des Klosters wurde versteigert, in die umliegenden Gemeinden verteilt oder in einer Scheune zwischengelagert. 1816, nach Ende des Krieges gegen Frankreich, wurden die Gebäude einzeln verkauft oder abgerissen. Heute existieren nur noch die Klostermühle und ein Teil der Mauer, der allerdings zuletzt ein trauriges Schicksal zuteil wurde.

So geschah es, dass der Pfarrer von Ettenkirch (das heute ebenfalls zu Friedrichshafen gehört), einen Rosenkranzaltar aus Kloster Löwental erwarb, ihn 1818  in die Kirche von Brochenzell einfügte und ihn somit vermutlich vor der Zerstörung durch Feuer oder Bildersturm rettete.

Das geostete Kirchlein St. Jakobus d. Ä. zu Brochenzell stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und wurde 1734 barockisiert. Die Kirche ist eine Station auf dem Jakobsweg. Der Rosenkranzaltar, 1683/84 von Hans Georg Winkel in Bregenz geschaffen, ist mit seinem Altarbild von J. Feuchtmayr  (um 1730) noch heute das bedeutendste Kunstwerk der Kirche. Auch dieses Bild stellt die Übergabe des Rosenkranzes an den hl. Dominikus dar. Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts diente er in Brochenzell als Hochaltar. Durch den großen Bevölkerungszuwachs wurde eine Erweiterung des Kirchbaus nötig, der im eigenartigen Geschmack der Zeit erfolgte.

Dadurch wurde der alte Chorraum der Kirche mit dem Rosenkranzaltar zur Taufkapelle und der Altar geriet aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit. Selbst zu Gottesdienstzeiten ist er nicht frei zugänglich und durch eine Alarmanlage gesichert.

So hätte es für immer bleiben können mit dem Schattendasein des Altars. Doch der liebe Gott tut nichts als fügen, und so kam es, dass es Teresa, ein Einzelmitglied der Provinz Teutonia, nach Brochenzell verschlug. Dort, weitab von der dominikanischen Heimat und ohne Verbindung zu süddeutschen Fraternitäten oder Klöstern, entdeckte sie zu ihrer Freude in ihrer Pfarrkirche einen Seitenaltar mit einem bekannten dominikanischen Motiv – der Übergabe des Rosenkranzes an den hl. Dominikus durch die Gottesmutter. Als die Gemeinde eine neue Gemeindereferentin bekam, deren Interesse für die dominikanische Spriritualität  im Gespräch mit Teresa geweckt wurde, nahm das Schicksal seinen Lauf.

Die beiden beschlossen, einmal im Monat in der Taufkapelle vor dem dominikanischen Altar eine Vesper mit dominikanischen Elementen anzubieten.  Jedes Mal soll es um einen dominikanischen Heiligen gehen, zu dem dann ein Text vorgelesen oder Texte und Hymnen aus dem Proprium des Dominikanerordens gewählt werden. Beim ersten Termin im März war das Jordan von Sachsen, am 2. April wird Heinrich Seuse im Mittelpunkt stehen und am 14. Mai der hl. Papst Paul V, jeweils um 17 Uhr. Die Vesper endet  mit dem Salve Regina und dem O Lumen nach dominikanischer Tradition.

Zum ersten Termin waren bereits 40 Teilnehmer da, von denen viele sich anschließend noch zu einem kleinen Imbiss trafen und einige auch reges Interesse an den Dominikanern zeigten.  Wir freuen uns sehr über diese Initiative. Wer weiß? Vielleicht erwächst daraus ja eine neue Dominikanische Laiengemeinschaft … Der liebe Gott tut ja bekanntlich nichts als fügen.

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Freude und Trauer

P. Viliam Doci OP wurde von unserem Ordensmeister P. Bruno Cadoré OP zum neuen Vikar des Ordensmeisters in Santa Sabina, dem Sitz unserer Ordenskurie ernannt. P. Viliam, der der slowakischen Provinz angehört, war viele Jahre in unserer Provinz Studentenmagister und Prior des Wiener Konvents. Er leitet außerdem das Historische Institut des Ordens in Rom.

Herzlichen Glückwunsch und Gottes Segen für die neue Aufgabe!

Heute morgen starb in Berlin P. Kamillus Drazkowski OP im Alter von 81 Jahren. Er gehörte dem Berliner Konvent an und war lange Jahre als Prediger der Volksmission und später als Seelsorger an der Justizvollzugsanstalt Moabit tätig. Den Volksprediger konnte man aus jeder seiner Predigten und auch aus privaten Gesprächen heraushören.

Der Herr schenke ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm.

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„Das Glück meines Lebens“

Unter diesem Titel erschien in der aktuellen Ausgabe des Konradsblatts (Bistumsblatt der Erzdiözese Freiburg, Ausgabe 11/2017) ein Beitrag von Norbert Schmeiser, Mitglied der Freiburger Fraternität, über Hanna Renate Laurien:

Foto: KNA

„Das Glück meines Lebens“

Hanna Renate Laurien, Todestag am 12. März 2010

Von Norbert Schmeiser

Als das „Das Glück meines Lebens“ wertete Hannah Renate Laurien ihre Aufnahme in den Laienzweig des Predigerordens. Sie entschied sich dazu 1960 im Alter von 32 Jahren. Das bedeutete für sie „intensives Laienleben, verbunden mit intensiver Gebetspraxis“. Zeitlebens war sie dem Dominikanerorden eng verbunden: während ihrer Zeit im Düsseldorfer Kultusministerium (1958-1963) besuchte sie vor der Arbeit die Messe bei den Dominikanern. Von 1960 bis 1965 gehörte sie der Schriftleitung der ordenseigenen Zeitschrift „Wort und Antwort“ an; in ihrer Zeit als Schul- und Jugendsenatorin, Bürgermeisterin von Berlin und Präsidentin des dortigen Abgeordnetenhauses (1981-1995) besuchte sie die jährlichen Treffen der Dominikanischen Familie in St. Paulus.

Aus dieser Perspektive betrachtete sie Politik „in Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Im Dienst der Glaubensverkündigung stand auch ihre rege Vortragstätigkeit, zahlreiche Veröffentlichungen, ihr Engagement für AIDS- und MS-Kranke sowie gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit – auch im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, als langjährige Vorsitzende des Berliner Diözesanrats sowie des Katholischen Deutschen Frauenbundes.

Dabei war Laurien der kirchlichen Hierarchie gegenüber „treu und kritisch zugleich“ wie beispielsweise ihr Einsatz für den Diakonat der Frau und ihre Unterstützung des Vereins „Donum Vitae“ zur Schwangerenkonfliktberatung zeigte. Sie nahm ihre Aufgabe als Laiin ernst, liebte das offene Wort in der Kirche und forderte immer wieder einen „nachhaltigen innerkirchlichen und ökumenischen Dialog“.

Als Leitspruch hatte sie einen Satz der dominikanischen Laiin Katharina von Siena gewählt: „Dass wir in diese Welt kamen, hat uns niemand gefragt. Aber wir werden gefragt werden, wie wir sie verlassen“.

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Fünfmal einfache Profess in Worms

Gestern legten fünf Novizen der Predigerbrüder in der Dominikanerkirche St. Paulus ihre einfache Profess ab. Viele schöne Fotos davon gibt es hier.

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Eine neue Novizin in Wien

Am vorigen Samstag (4. März 2017) wurde ein neues Mitglied in die Dominikanische Laiengemeinschaft in Wien in das Noviziat aufgenommen. Die schöne Feier fadn in der Dominikanerkirche im Rahmen der Vesper statt. Es war eine große Freude für uns alle und wir wünschen Hanni alles Gute und Gottes Segen!

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Das Wort Gottes verkünden – ein Interview mit Melanie Delpech

erschienen am 26. Februar im Konradsblatt, der Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg: 

Am 21. Januar ging das Jubiläumsjahr des Dominikanerordens mit einem feierlichen Gottesdienst in der römischen Lateranbasilika zu Ende.- Reguläre Mitglieder des seit 800 Jahren bestehenden Predigerordens sind auch Laien. Über diese Form des Ordenslebens sprach Norbert Schmeiser, Gymnasiallehrer in Bad Säckingen, mit Melanie Delpech, der in Freibug ansässigen Präsidentin der Dominikanischen Laiengemeinschaften in der Provinz des hl. Albert von Süddeutschland und Österreich, wie dieser Zweig der Dominikanischen Familie genannt wird.

Konradsblatt: Frau Delpech, beginnen wir mit Ihrer Person, bitte stellen Sie sich kurz vor

Melanie Delpech: Seit Januar 2012 bin ich Präsidentin der Dominikanischen Laiengemeinschaften (DLG) in der süddeutsch-österreichischen Provinz des Predigerordens. Dies ist meine zweite Amtsperiode. Von Beruf her bin ich Haushälterin bei einem Priester des Erzbistums Freiburg. Studiert habe ich in England, an der Loughborough Universität, Soziologie mit Sozial – und Wirtschaftsgeschichte.

Wie leben Sie als Mitglied der Dominikanischen Laiengemeinschaft?

 Zuerst lebe ich ein Leben als Ordensmitglied außerhalb eines Konventes. Konkret heißt dies für mich, dass ich am täglichen Chorgebet der Brüder teilnehme und, so gut wie es geht, auch täglich zur Eucharistie gehe und eine Zeit des kontemplativen Gebets einhalte.

Diese Gebetszeiten unterstützen das tägliche Apostolat. Das Apostolat beinhaltet mitunter, eine wöchentlich stattfindende Bibelgruppe zu leiten, im Pastoralteam des Konvents mitzuarbeiten und an die „Ränder“ der Gesellschaft zu gehen: in Alten- und Pflegeheime.

Laien als volle Mitglieder des Predigerordens. Ist das nicht ungewöhnlich?

 Schon als unser Ordensgründer Dominikus zu Beginn des 13. Jahrhunderts in Südfrankreich predigte, wurde er von ledigen und verheirateten Frauen und Männern unterstützt. Nach seinem Tod förderten Laien die Predigerbrüder. Die Laien schlossen sich zusammen unter anderem als „Brüder und Schwestern von der Buße des heiligen Dominikus“, einem Vorläufer der Dominikanischen Laiengemeinschaften. Anfang des 15. Jahrhunderts bekamen sie eine eigene Regel. Sie stellen einen Zweig des Predigerordens dar. Im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils erfolgte eine Erneuerung. Bis heute entschließen sich Frauen und Männer, ob verheiratet, geschieden oder ledig, sich in der Nachfolge Christi vom Charisma des Dominikus leiten zu lassen. Sie kommen aus verschiedenen Generationen, Nationen, Lebensbereichen und Berufsgruppen – von der Haushälterin bis zum Universitätsprofessor.

Was bedeutet es, Mitglied der Dominikanischen Laiengemeinschaften zu sein?

 Die dominikanischen Laien leben ihren Glauben in ihrem konkreten Umfeld: in Familie, Beruf, Kirche und Gesellschaft. Dominikanisches Leben fußt auf den vier Säulen Gebet, Studium, Gemeinschaft und Verkündigung. Wir pflegen ein intensives Gebetsleben, d.h. jeder einzelne betet nach seinen Möglichkeiten am Morgen, Mittag und Abend das Stundengebet der Kirche und besucht die Eucharistiefeier. Dadurch werden wir uns auch der Verbundenheit mit der Weltkirche und dem Orden bewusst. Wer in der Nähe eines dominikanischen Konvents lebt, schließt sich dazu den Brüdern oder Schwestern an.

Fahrt nach Köln: in der Krypta der Dominikanerkirche St.Andreas befindet sich das Grab des hl. Albert des Großen.

Was heißt „Studium“ in dem Zusammenhang? Wird ein akademisches Studium vorausgesetzt?

 Nein, vielmehr die Bereitschaft zu stetiger Weiterbildung im Glauben: dazu zählt sowohl die Theologie – vor allem im dominikanischen Geist – als auch die Entwicklung der Gesellschaft, deren Teil wir Christen sind und auf die wir reagieren müssen. Das Studium vollzieht sich sowohl in der Lektüre jedes Einzelnen als auch bei unseren Treffen in den Einzelgruppen und auf Provinzebene.

Was geschieht bei den Zusammenkünften?

 Wir beten das Stundengebet und feiern gemeinsam Gottesdienst, lesen in der Bibel und hören Vorträge zu aktuellen geistlichen, theologischen und für die Gesellschaft bedeutsamen Themen. Anschließend sprechen wir darüber und sitzen gesellig zusammen. Gebet, Gemeinschaft und Studium bereiten uns für die Verkündigung vor – die eigentliche Sendung des Dominikanerordens. Denn Dominikus gründete den Predigerorden vor 800 Jahren als Antwort auf die große Sinn- und Glaubenskrise vieler Zeitgenossen.

Was verstehen Sie unter Verkündigung? Sie sind doch Laien. In der Messe ist die Auslegung der Schrift Priestern und Diakonen vorbehalten…

 Predigt umfasst für den Orden schon immer jegliche Verkündigung des Glaubens: durch das Wort des Vortrags und des Gespräches sowie durch das Beispiel gelebter Nächstenliebe und Armut. So bringt jeder Laie in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Situationen, im Alltag, am Arbeitsplatz genauso wie in der Freizeit und in gesellschaftlichen Verpflichtungen das Wort Gottes zu Gehör. In der Vergangenheit gab es verschiedene Arten, wie Laiendominikaner diese Aufgabe wahrgenommen haben.

Können Sie Beispiele namhafter Persönlichkeiten dafür nennen?

 Aldo Moro (geboren 1916), der 1978 von den Roten Brigaden ermordet wurde, setzte sich als italienischer Politiker dafür ein, dass alle Italiener vom wirtschafltichen Aufschwung profitieren; Pier Frassati (1901-1925) unterstützte die Armen seiner Heimatstadt Turin, er wurde selig gesprochen und war mehrfach Patron der Weltjugendtage. Die norwegische Literaturnobelpreisträgerin Sigrid Undset (1882-1949) schrieb in ihren Romanen über die Kraft der Liebe und des Glaubens. Die Mehrheit von uns sind ganz normale Christen, so auch bei uns in der Gruppe in Freiburg.

Mitglieder Freiburger Gruppe „Jordan von Sachsen“

Wie ist die Situation der Dominikanischen Gemeinschaft im Erzbistum Freiburg?

Unsere Mitglieder sind auf verschiedene Art und Weise in der Verkündigung tätig, manche ehrenamtlich in einer Pfarrgemeinde, andere hauptberuflich etwa als Gemeindereferent oder Religionslehrer und alle in ihrem Alltagsleben. Wir haben zehn Mitglieder aus dem ganzen Erzbistum von Heidelberg bis Waldshut. Unser Ort der „Sammlung“ ist die Gemeinschaft der Dominikaner St. Martin in Freiburg. Wir haben uns nach dem zweiten Ordensmeister „Jordan von Sachsen“ benannt.

Wie wächst man in eine solche Gemeinschaft hinein?

 Nach einem Hineinschnuppern in die Gruppe, was jederzeit möglich ist, steht eine Phase des gegenseitigen Kennenlernens. Die Einführungszeit von einem Jahr wird individuell nach den Voraussetzungen des Bewerbers gestaltet. Darin stehen wichtige Gestalten der dominikanischen Familie wie Dominikus, Thomas von Aquin und Katharina von Siena auf dem Programm. Zudem wird das Gebetsleben vertieft, indem der Kandidat das Stundengebet, die geistliche Schriftlesung und Meditation einübt. Er nimmt an den Treffen der Gruppe teil und wird sich seiner Verkündigungsaufgaben bewusst. Nach einem Jahr legt er ein einjähriges Versprechen ab, dann kann er eines für 3 Jahre ablegen und danach auf Lebenszeit.

Was versprechen die Mitglieder der Laiengemeinschaft?

 Sie verpflichten sich, ihr Leben als Christen im Geist des hl. Dominikus zu führen und es nach der Regel für Laien auszurichten. Durch dieses Versprechen werden sie dem Predigerorden eingegliedert und Mitglied einer internationalen Ordensfamilie. Es ist also ein Zeichen für die eigenständige und vollwertige Mitgliedschaft im Dominikanerorden.

Melanie Delpech überreicht einem Kandidaten zur Aufnahme in das Einführungsjahr die Regel

Welche Beziehung haben die Laiendominikaner als Teil des Ordens zu den Brüdern und Schwestern in den Klöstern?

 Die Laiengruppen stehen in enger Beziehung zu Klöstern von Dominikanerinnen oder Dominikanern. Eine Schwester oder ein Bruder begleiten sie geistlich und theologisch. Außerdem ist auf der Provinzebene ein Dominikaner für uns bestellt, der Provinzpromotor genannt wird.

Wer leitet die Dominikanische Laiengemeinschaften?

 Der Provinzrat der Laien und das von ihm gewählten Präsidium leitet die Geschicke der Gemeinschaften in der Provinz; er fördert und koordiniert die einzelnen Gruppen; er vertritt alle in den Orden aufgenommenen Mitglieder; er ist Ansprechpartner des Ordensmeisters. Er stellt Anträge an das Generalkapitel bzw. das Provinzkapitel des Ordens. Er entsendet außerdem Delegierte zu den europäischen und internationalen Treffen der Dominikanischen Laien. Der Provinzrat wird vom Provinzkapitel gewählt, das aus Delegierten der Gruppen und Einzelmitgliedern besteht.

Welche Aufgaben haben Sie als Präsidentin?

 Die Aufgaben sind sehr vielfältig. Ich berufe die Sitzungen des Provinzrats und Präsidiums ein, leite sie und führe die Beschlüsse aus, pflege die Kontakte mit den Gruppenleitern, kümmere mich um das Leben in den Gemeinschaften und wache darüber, dass die Ämter beizeiten besetzt und Wahlen durchgeführt werden. Im Rahmen von Gottesdiensten nehme ich in manchen Fällen Kandidaten in das Einführungsjahr auf und die Versprechen bzw. deren Erneuerung entgegen. Noch dazu vertrete ich die Gruppen nach außen und lege am Ende meiner Amtszeit Rechenschaft über meine Amtsführung ab.

Was muss jemand mitbringen, der sich für eine Mitgliedschaft interessiert?

 Jeder katholische Christ kann in eine Dominikanische Laiengemeinschaft aufgenommen werden, der nach ihrer Regel leben will. Darin heißt es: „Jedes Mitglied des Dominikanerordens muss fähig sein, das Wort Gottes zu verkünden“. Neben Interesse an geistlichem Leben und der geistigen Auseinandersetzung mit dem Glauben und unserer Zeit sollte die Bereitschaft vorhanden sein, sich realistisch und aktiv neben Beruf und Familie in eine Gruppe vor Ort einzubringen.

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Die älteste Dominikanerin


Sr. Marie-Bernadette aus Dax in der Region Nouvelle-Aquitaine in Frankreich hat im Januar ihren 110. Geburtstag gefeiert und erwartete im April ihr 90. Professjubiläum als Nonne im Dominikanerorden. Nun ist sie am Fest des hl. Jordan von Sachsen heimgegangen zum Herrn. Laut ihrer Priorin war sie bis zuletzt ein Geschenk für ihr Kloster und ihren Orden, ein Zeugnis der Treue zum monastischen Leben und eine Inspiration für ihre Kommunität. Sie hörte nie auf, für den Orden und die Welt zu beten, ein Dienst, den wir jetzt gerne aufnehmen und erwidern. Der Herr belohne ihre Treue, schenke ihr die ewige  Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr.

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Chain of preachers of hope: Susanne Witte

Die Berliner Fraternität Lacordaire berichtet im Rahmen der Aktion „Chain of Preachers of Hope“ über Susanne Witte, eine ganz besondere und mutige Frau.

Wenn sich unsere Berliner Fraternität Lacordaire zu ihren Gruppentreffen versammelt, grüßt uns Susanne Witte freundlich und selbstbewußt und schenkt uns immer wieder ein Stück Hoffnung. Diese Hoffnungsgeschichte möchten wir gern mit euch teilen:

Der Raum, in dem wir uns in St. Paulus, der Dominikaner­kirche in Berlin-Moabit treffen, ist derselbe Raum, in dem sich noch heute auch die Senioren treffen. Susanne Witte führte dort „ihre“ Altentagesstätte fast bis zum Ende ihres Lebens 2005. An zwei Tagen in der Woche gab es ein vielfältiges Programm und nebenbei noch eine ganze Reihe andere Aktivitäten, Ausflüge, ein jährlicher Kurlaub an der Rhön. Mit Frau Spiekermeier (Spieki) an ihrer Seite (meistens am Klavier) schuf sie dort Ankerpunkt, Schutz und Zuflucht für viele. Schutz und Zuflucht gewähren prägte ihr ganzes Leben.

1905 wurde Susanne Witte in Berlin geboren, Kindheit, Schulzeit und Jugend verbrachte sie in Berlin-Moabit. In St. Paulus ging sie zur Erstkommunion und schon als junge Frau engagierte sie sich in der Jugendarbeit der Dominikanergemeinde. Fürsorgerin wählte sie als Beruf. Das war ein damals neues Berufsbild für autonome, selbständige Frauen. „Fürsorgerin“ sein war ihre Berufung.

St. Paulus hatte in den 20er Jahren 22.000 Gemeindemitglieder (heute sind es auf der gleichen Fläche ca. 5.500) und war einer der ärmsten Seelsorgebezirke der Stadt, geprägt von Arbeitslo­sigkeit, Kinderreichtum und desolaten Wohnverhältnissen. Die Gemeinde wurde von P. Ulrich Kaiser OP geleitet. „Er weiß, dass Seelsorgerworte allein in dieser schweren Zeit nicht ausreichen. So gründet er verschiedene Hilfsvereine, die sich um Wärmestuben, Volksküchen und Erholungs­heime für Kinder kümmern. Auch beschreitet er neue Wege der Großstadtseelsorge.“[1]. Susanne Witte ist eine wichtige Mitarbeiterin in seinem Team. Anfang der 30er Jahre kann er ein Grundstück in Friedrichshagen, am südöstlichen Stadtrand Berlins erwerben. Dort wird (als Arbeitsbeschaf­fungs­maßnahme für die vielen Arbeitslosen und mit ehrenamtlicher Arbeit von Gemeindemitglie­dern) eine Kapelle und ein bescheidenes Wirtschaftsgebäude errichtet. Fortan fährt sie mit 60-80 Kindern per S-Bahn und Straßenbahn hinaus nach Friedrichshagen: Licht, Luft und Sonne für die Kinder der Moabiter Mietskasernen. Auch Jugendtreffen und „Bekenntnis-Tage“ auf Bistumsebene finden unter ihrer Mitwirkung dort statt.

Bis 1937 kann Susanne Witte als Seelsorgehelferin für die Jugendarbeit in St. Paulus arbeiten. Dann verbieten die Nationalsozialisten, die 1933 die Macht ergriffen hatten, jegliche katholische Jugendsozialarbeit. Susanne Witte muss entlassen werden. Sie findet eine Anstellung im kommu­nalen Gesundheitswesen des Bezirks Reinickendorf. Dort kümmert sie sich vor allem um junge Mütter und alleinstehende berufstätige Frauen. Ihr Engagement in St. Paulus setzt sie auf ehren­amtlicher Basis ungebrochen fort. Sie ist Laiendominikanerin im damaligen III. Orden und leitet die Marianische Kongregation. Zeitlebens liebte sie die schlesischen Marienlieder ganz besonders.

An den von Susanne Witte in St. Paulus veran­stalteten Gruppenaktivitäten nimmt auch ihre jüdische Berufskollegin Ruth Casper teil und kon­vertiert schließlich dort 1926 zum katholischen Glauben. „Wir waren immer sehr verbunden durch unser gemeinschaftliches Leben in der Pfarrei“ er­zählte Susanne Witte. [2] Hier ist ein Hinweis auf die Situation der Juden in Nazi-Deutschland ange­bracht. Schon kurz nach der sogenannten „Macht­ergreifung“ 1933 beginnen mit dem Aufruf, jüdische Geschäfte zu boykottieren, die ersten judenfeind­lichen Maßnahmen. Sie finden vor dem 2. Welt­krieg ihre Fortsetzung vor allem durch die „Nürn­berger Rassegesetze“ von 1935. In ihnen wird festgelegt, wer Jude ist, wer Halbjude etc., verbun­den mit diskriminierenden Regelungen bezüglich Bürgerrechten, Heiratsverboten, Berufschancen. Ein schrecklicher Höhepunkt ist der Brand der Synagogen in ganz Deutschland, die „Reichspogromnacht“ am 9. November 1938. Viele Juden verlassen Deutschland. Seit jener Nacht betete der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg jeden Sonntag öffentlich für die Verfolgten. Er wurde später denunziert und starb 1943 auf dem Weg in ein Konzentrationslager. 1996 wurde er durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Noch einmal dramatisch verschlimmerte sich die Lage der Juden nach dem Anfang des Krieges 1939. Mit den Jahren 1941/1942 beginnt die schlimmste Phase des Holocaust. Die Juden werden aus dem ganzen besetzten Europa in Sammellager und Ghettos im Osten deportiert, in Vernich­tungslager wie Auschwitz und andere gebracht und dort zu Millionen ermordet.

Im Jahr 1942 wird auch Ruth Casper deportiert. Es gelingt ihr noch, Susanne Witte eine Nachricht zukommen zu lassen und die Bitte: „Sorge du für meine Mutter“. Die Mutter, Regina Kirschbaum, eine tiefreligiöse Jüdin, ist in einem „Judenhaus“, einer Art Sammellager am Bayerischen Platz in Berlin, untergebracht. Susanne Witte sucht sie dort auf. „Ich ging also in dieses Haus hin, tat es mit zitternden Knien, aber konnte also noch rein in das Haus, war einige Male da und brachte der Mutter notwendige Dinge, die hatten ja kaum etwas da, zu essen und Kleinigkeiten…“ [3].

Auch die Bewohner dieses Hauses wurden von der Gestapo abgeholt, doch Regina Kirschbaum konnte sich im Keller verstecken und der Deportation entgehen. „Am Abend desselben Tages stand sie vor meiner Tür, diese Frau Kirschbaum, mit einer Handtasche. Und sagte: Kann ich bei Ihnen bleiben? Ich sagte: Selbstverständlich. Sie kam rein, völlig verstört, ich auch völlig verstört, und von da an blieb sie bei mir. Das war insofern ganz einfach und ganz selbstverständlich; ich war allein in der Wohnung, ich hatte keine Angehörigen, ich konnte also niemand gefährden, und sie war die Mutter dieser Freundin, die mir sehr am Herzen lag – und wir wußten beide noch nicht, was aus dieser Tochter geworden war, wir ahnten es nur. Ja, und von da an blieb sie bei mir.“ [4]

Bis zum Kriegsende 1945 bleibt Regina Kirschbaum bei Susanne Witte.

Die beiden Frauen können diese Zeit gemeinsam überstehen auch durch Unterstützung aus dem nahen Umfeld: „Man wußte nur, was man in seinem eigenen kleinen Bezirk oder Raum tat, denn man sprach ja selbst nicht ‚darüber‘, abgesehen von der Pfarrgemeinde, in der ich im Freundes­kreis natürlich Hilfe hatte – wenns vier oder fünf waren, und einer der Geistlichen, die mir dann auch Hilfestellung leisteten, gelegentlich sogar zu mir raufkamen, ein junger Priester, der das wußte und sagte: Hören Sie, es ist Gefahr im Verzuge ich bringe Ihre Jüdin schnell hier gegenüber zu jemanden, die ist nicht verdächtig:“[5]

Oft führen sie zusammen auch religiöse Gespräche, die Susanne -Witte als sehr intensiv und beeindruckend in Erinnerung behalten hat: „Wissen Sie, und diese Jüdin hatte einen Glauben!, das habe ich manchmal schon gesagt, die hat mich beschämt mit ihrem großen, festen Gottes­glauben. Das war unglaublich, die sagte mir manchmal vorwurfsvoll: Sie sind doch Christin, wie können Sie denn solche Angst haben, wenn Sie an Gott und Christus glauben? Wir haben uns häufig über Bibel und solche Sachen unterhalten, also Grundbegriffe der christlichen Religion, weil sie nicht verstand, dass ihre Tochter – sie war die jüngste von dreien – dass die zur katholischen Kirche übergetreten war [6]. Auch den Sabbat konnte Regina Kirschbaum bei Susanne Witte feiern.

Als „selbstverständlich“ bezeichnete Susanne Witte selbst mehrfach ihren Einsatz, obwohl sie um die Gefahr wußte . „Nun ja, dass ich verhaftet würde, das war ganz klar … Wissen Sie, vielleicht habe ich ein kindliches Gottvertrauen gehabt, ich weiß es nicht. Ich habe nie zu Ende gedacht, was da wird. Dass es gefährlich wird, das sagten mir meine allernächsten Freundinnen, die das wußten, die sagten: Bist du wahnsinnig, das geht doch nicht, du kannst doch nicht, und ich sagte: Ja würdet ihr denn die Mutter einer – eines lieben Menschen jetzt auf die Straße lassen und die dem sicheren Tod aussetzen? Würdet ihr …“ [7]

Sie blieb bis zu ihrer Pensionierung als Sozialfürsorgerin im Bezirksamt Reinickendorf. Nach ihrer Berufstätigkeit leite­te sie ehrenamtlich das West-Berliner Müttergenesungsheim „Maria Rast“ und war in vielen Bereichen karitativ tätig. St. Paulus ist weiter ihr eigener spirituel­ler Mittelpunkt und Wirkungsort. Als letz­tes ihrer vielen Projekte gründet sie die Altentagesstätte.

Es war beeindruckend zu sehen, wie integrativ, sensibel und doch bestimmt sie auf Menschen (jung wie alt) zugehen konnte, immer im Blick hatte, wer am Rand stand, Zuspruch oder Ermunte­rung brauchte.

Im Jahre 1999 wird Susanne Witte von der Gedächtnisstätte Yad Vashem in Jerusalem in die Reihe der „Gerechten der Völker“ aufgenommen. Sie starb 2005, nur wenige Wochen vor ihrem 100. Geburtstag.

Wenn wir uns in St. Paulus treffen, grüßt uns ihr Bild und schenkt uns Hoffnung und Zuversicht. Sie hätte gesagt „ganz selbstverständlich“.

Margret Burkart und Hans Gasper

[1]    Burkard Runne OP: In memoriam Susanne Witte. In Kontakt Nr. 33 2005 S. 22-23

[2]    Tonband-Interview mit Susanne Witte am 30.7.1987 geführt von Brigitte Oleschinski. Zitat nach Brigitte Oleschinski: „… dass das Menschen waren, nicht Steine“ Hilfsnetze katholischer Frauen für verfolgte Juden im Dritten Reich. In: Zeitgeschichte 17.1990, S. 395-416

[3]    Ebda.

[4]    Ebda.

[5]    Ebda.

[6]    Ebda.

[7]    Ebda.

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