„Das fließende Licht der Gottheit“ – Inspiration für die dominikanische Familie

„Das fließende Licht der Gottheit“ ist eine Schrift Mechthilds von Magdeburg. Sie wirkte im 13. Jahrhundert als Laie ohne lateinisch-theologische Bildung in Gebet und Dienst am Nächsten und trat erst im hohen Alter in ein Kloster ein. Ihr Werk spiegelt ihre Verehrung für Dominikus und seine Brüder wieder. Nach ihrem Tod wurde es von Dominikanern ins Lateinische übersetzt, in deren Bibliotheken aufbewahrt und verbreitet. Welchen Impuls kann eine dem Predigerorden nahe stehende Frau der dominikanischen Familie geben, die vor 750 Jahren ihre geistlichen Erfahrungen niederschrieb? Es ist ihre Art, sich aufgrund ihrer Erfahrungen als Frau in der Kirche zu Wort zu melden.

„Ein schnödes Weib“

Zunächst bezeichnet sie sich selbst – entsprechend der damaligen gesellschaftichen Stellung und kirchlichen Lehre der Frau – als „schnödes Weib“ mit einem „ungelehrten Mund“. Sie berichtet von schmerzvollen geistlichen Erfahungen wie der Entfremdung von Gott und deutet sie als Weg in die Nachfolge des leidenden Jesus. Auf dem Hintergrund dieses spirituellen Leidens sieht sie in dieser unfreiwilligen, untergeordneten Rolle eine Parallele zum Abstieg Gottes zur Menschheit aus dessen freien Stücken: Wenn sie Erniedrigung in eigenen Leben erfahre, vollziehe sie die heilsame Zuwendung Gottes zum Menschen nach. Diese erlebte Demut ermögliche ihr nicht nur in besonderer Weise, Gottes Wort für ihre Zeit zu empfangen, sondern rechtfertige, diese weiterzugeben. So schreibt sie im „Fließenden Licht“: Es ist mir vor manchem „weisen Meister der Schrift … eine große Ehr‘ und stärkt die heilige Christenheit gar sehr, dass der ungelehrte Mund die gelehrte Zunge aus meinem Heiligen Geist belehrt“. Es sei ihre geistliche Niedrigkeit – nicht ihre gesellschaftliche und kirchliche Randexistenz -, die sie qualifiziere, den Geistlichen und Gelehrten zu verkündigen, um die Kirche aufzubauen.

Mechthild von Magdeburg weiß um den verkommenen Lebenswandel und Machtmissbrauch des eigenen Domkapitels unter anderem von einem Domdekan, der sein Amt kürzlich angenommen hat und von den Missständen angewidert ist. Ratsuchend, ob er sein Amt nieder legen soll, wendet er sich beachtenswerter Weise an Mechthild. Diese benennt das Problem im Bild der mit dem Gestank der Unkeuschheit behafteten Domherren, die sie als „Böcke“ tituliert und deren Haut, d.h. ihr Besitz und ihre Macht, mit dem Tod verfalle. Sie enthielten durch ihren Amtsmissbrauch der Herde die göttliche Liebe und die christliche Lehre in verantwortungsloser Weise vor. Aus ihrem Gebet heraus empfiehlt sie dem Domdekan, im Amt zu bleiben, damit er durch ein demütiges und frommes Leben ein geistliches Vorbild sei. Der persönliche Lebenswandel sei Grundlage geistlicher Macht, die sie grundsätzlich befürwortet. So bittet sie ihre Beichtväter um eine kritische Beurteilung ihrer außergewöhnlichen Erfahrungen.

Vorbild Dominikus

In dieser Hinsicht sei der heilige Dominikus als Ordensoberer vorbildlich, der in den eigenen Bedürfnissen Maß gehalten habe, ohne gleichzeitig von seinen Brüdern zu fordern, was er sich selbst abverlangt. Darin zeige sich seine Liebe zu Gott, die seinen Egoismus überwinde. Diese uneigennützige Liebe sei Maßstab für die Amtsausübung eines Priors. Konsequent werden Obere aufgefordert, den Versuchungen zu widerstehen, die mit den Führungsaufgaben einhergehen können, vor allem das Streben nach Ehre und Macht. Als Korrektiv werden die Oberen ermahnt, auf die Brüder und Schwestern sowie auf den geistlichen Rat des Seelenführers zu hören. Sie warnt ausdrücklich davor, unter Berufung auf die eigene Autorität ohne Beratung willkürliche Entscheidungen zu treffen.

Sie bezieht ihre Mahnung nicht nur auf die persönliche Anfechtung, sondern auch auf strukturelle Defizite in der Kirche: so seien auch Fehlentwicklungen in Konventen entgegenzuwirken. Zudem setzt sie kritikwürdigen Tendenzen einen Endzeitorden als Gegenentwurf zu den kirchlichen Verhältnissen entgegen. Wenn dessen Brüder ungehindert predigen, lehren und Sakramente spenden dürfen, entspricht dies dem Wunsch ihrer zeitgenössischen Dominikaner.

Eine kritische Stimme in der Kirche

Mechthild deutet ihre eigenen leidvollen Erfahrungen im geistlichen Leben wie in der gesellschaftlich-kirchlich bestimmten Öffentlichkeit als Befugnis, in Rücksprache mit ihren spirituellen Begleitern Fehlentwickungen in der Kirche zu benennen, zu kritisieren und selbst geistliche Weisungen zu erteilen. So kann sie uns ein Vorbild sein, mit negativen bis hin zu erniedrigenden Erlebnissen auch in der Kirche umgehen zu lernen: die eigene Demütigung kann – ohne sie zu rechtfertigen oder geistlich zu überhöhen – befähigen, das Leid anderer wahrzunehmen und darin ein „Zeichen der Zeit“ zu sehen. Dazu bedarf es der Gabe, im Glauben an die Führung durch den Heiligen Geist „in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen … zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart oder Absicht Gottes sind“ (Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanums „Kirche und Welt“, Artikel 11). Dies ermöglicht es, selbst die Perspektive der zeitweise oder dauerhaft Unterdrückten und Ausgegrenzten einzunehmen. Parteiisch für sie gilt es, reflektiert Handlungsmöglichkeiten auszuloten und sie im Sinne des Apostolates der Tat umzusetzen.

von Norbert Schmeiser (DLG Freiburg)

Aus: kontakt. Freundesgabe der Dominikaner in Deutschland und Österrreich Nr. 45 (2017) 66-67

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Hl. Zdislava von Lemberk

Als Ehefrau und Mutter von vier Kindern wurde Zdislava, geboren um 1220 in Mähren, im Alter von 21 Jahren „den Brüdern gleich“ in den Orden der Predigerbrüder aufgenommen, nicht als Ordensschwester, sondern als Laie. Was bedeutete es, als verheitete Mutter Mitglied der Dominikaner zu sein?

Neben der Sorge für ihre Familie und der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verpflichtungen führte sie ein regelmäßiges Gebetsleben und widmete sich dem Dienst an Armen, Leprakranken sowie Kriegsflüchtlingen. Darum wird sie mit einem Brotkorb dargestellt. Für den Dominikanerorden nutzte Zdislava ihre Möglichkeiten als Gattin des Burgherrn von Schloss Lemberk, einem Berater von König Wenzel I.: Sie förderte die Verbreitung des Predigerordens in Böhmen und Mähren, indem sie ihn motivierte, die Kosten für die Gründung von zwei Klöstern zu übernehmen. Vor 765 Jahren starb sie 32-jährig. Sie wurde in der Gruft der Kirche der Dominikanerinnen in Jablonné bzw. Gabel (nördlich von Prag) bestattet; heute erhebt sich über ihrem Grab eine Barockkirche mit Gemälden, die Wundertaten darstellen, die ihr zu ihren Lebzeiten zugeschrieben wurden. Deshalb wurde schon bald ihr Beistand erbeten.

Zdislavas Mitgliedschaft im Predigerorden ist im Rahmen einer Bewegung von Laien einzuordnen, die sich von Beginn an in den Dienst des Dominikus sowie seiner Brüder und Schwestern stellten. In ihrer Position unterstützten sie deren Anliegen nach ihren Möglichkeiten.

Diese Bewegung hat die Kirche gewürdigt, indem Papst Johannes Paul II. Zdislava von Lemberk anläßlich seines Besuches in Olmütz 1995 heilig gesprochen hat, nachdem bereits Pius X. 1907 ihre Verehrung gestattete. Die Kirche gedenkt ihrer am 1. Januar*.

Norbert Schmeiser

(zuerst veröffentlicht in der Januarausgabe 2018 des Konradsblatts)

* Im Dominikanerorden ist der Gedenktag der hl. Zdislava der 4. Januar

Bild von hier

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Nachtrag: Einkehrtag in Landsberg

Zwischen dem Hochfest Maria Immaculata Conceptio und dem 2. Advent fand ein Einkehrtag der Gruppe Landsberg-München im Kloster der Dominikanerinnen in Landsberg statt. Insgesamt 30 Teilnehmer kamen zusammen, um sich am Vortag des 2. Advent mit dem Thema „Herr, schenke mir ein hörendes Herz“ unter der Leitung von Pater Thomas Augustinus Schuster OP zu beschäftigen. Abgerundet wurde der Einkehrtag noch mit einer Zeit der eucharistischen Anbetung, der Feier der Hl. Messe und gemütlichem Beisammensein.

Am Vormittag stand zunächst eine geistliche Betrachtung des zentralen Themas des Einkehrtags aus „Salomos Bitte um Weisheit“ (1 Kön 3,2-15) im Mittelpunkt. „In Gibeon erschien der Herr dem Salomo nachts im Traum und forderte ihn auf: Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll. Salomo antwortete: Du hast deinem Knecht David, meinem Vater, große Huld erwiesen; denn er lebte vor dir in Treue, in Gerechtigkeit und mit aufrichtigem Herzen. Du hast ihm diese große Huld bewahrt und ihm einen Sohn geschenkt, der heute auf seinem Thron sitzt. So hast du jetzt, Herr, mein Gott, deinen Knecht anstelle meines Vaters David zum König gemacht. Doch ich bin noch sehr jung und weiß nicht, wie ich mich als König verhalten soll. Dein Knecht steht aber mitten in deinem Volk, das du erwählt hast: einem großen Volk, das man wegen seiner Menge nicht zählen und nicht schätzen kann. Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht. Wer könnte sonst dieses mächtige Volk regieren? Es gefiel dem Herrn, dass Salomo diese Bitte aussprach. Daher antwortete ihm Gott: Weil du gerade diese Bitte ausgesprochen hast und nicht um langes Leben, Reichtum oder um den Tod deiner Feinde, sondern um Einsicht gebeten hast, um auf das Recht zu hören, werde ich deine Bitte erfüllen. Sieh, ich gebe dir ein so weises und verständiges Herz, dass keiner vor dir war und keiner nach dir kommen wird, der dir gleicht. Aber auch das, was du nicht erbeten hast, will ich dir geben: Reichtum und Ehre, sodass zu deinen Lebzeiten keiner unter den Königen dir gleicht. Wenn du auf meinen Wegen gehst, meine Gesetze und Gebote befolgst wie dein Vater David, dann schenke ich dir ein langes Leben.“

In einem zweiten Teil wurde noch ein Blick zurück auf das Hochfest des Vortages Maria Immaculata Conceptio (Lk 1, 26-38) geworfen: „Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.“

Zum Schluss wurde noch ein Blick auf das bevorstehende Weihnachtsfest geworfen. Mit einer Betrachtung von Jesaja 9,1ff „Die Verheißung der Geburt des göttlichen Kindes“ schloss der adventliche Einkehrtag in Landsberg: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. […] Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende.“

Ralph Berger

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Lobpreis auf die Menschwerdung Gottes

Kind, älter als der Himmel! O dreimal gesegneter Sohn, der auf seinen Schultern seine Herrschaft trägt und nicht nach Würde aus fremder Hand zu trachten braucht. Denn von Natur ist dem göttlichen WORT als dem Sohn Gottes die Herrschaft über das All eigen; nichts ist ihm gegeben worden, wie es einem Geschöpf zukommt. Es heißt: »Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter« (Jes 9,5). O allmächtige Gewalt! »Wunderbarer Ratgeber und Friedensfürst ist er« (Jes 9,5). Wie sollen wir das heutige Fest ruhmvoll feiern? Wie sollen wir die gegenwärtige mystische Feier herrlich begehen? Wer kann den unvergänglichen Reichtum dieses Tages ausschöpfen? Mit welchen klangvollen und machtvollen Worten sollen wir das hochgepriesene und siegreiche Mysterium der Unvergänglichkeit verkünden? O Tag, unzähliger Gesänge wert, an dem für uns der Stern aus Jakob aufging und der himmlische Mensch aus Israel erstrahlte und der gewaltige Gott unter uns Wohnung nahm! »Die Sonne der Gerechtigkeit« (Mal 3,20) vertrieb die Dunkelheit; der Schatz göttlicher Tugenden wurde aufgeschlossen; der Baum des ewigen Lebens hat für uns zu sprossen begonnen und die aufgehende Sonne leuchtete aus der Höhe. Der Herr des Himmels und der Erde kam aus jungfräulichem Schoß in die vergängliche Welt, um sie zu erlösen. Denn »heute wurde uns der Retter geboren, der Messias, der Herr« (Lk 2,11), »das Licht für die Heiden« (Lk 2,32) und die Rettung des Hauses Israel. O Wunder! Als Kind in der Krippe liegt der, den die Himmel nicht fassen können, und in den Armen einer Frau ruht der, der durch kurzen Befehl das All erschaffen hat. Von den makellosen Brüsten der heiligen Jungfrau wird genährt, der allen himmlischen Mächten das Dasein geschenkt hat. … Durch eine Jungfrau wird die Welt befreit, die einst durch eine Jungfrau der Sünde unterlegen war. Durch die Geburt aus der Jungfrau sind die unsichtbaren Dämonen jeder Zahl und jeder Art in die Unterwelt gebannt worden. Der Herr nahm die Gestalt der Knechte an, damit die Knechte Gottes Gestalt erlangen können. … O Bethlehem, geheiligte Stadt, aller Menschen gemeinsames Erbe! O Krippe, Gefährtin der Cherubim, gleicher Ehren wert wie die Seraphim! Denn der auf jenen in göttlicher Ewigkeit thront, ist nun dem Leib nach in dir eingeschlossen. O Maria, o Maria, die du den Schöpfer des Alls als deinen Erstgeborenen geboren hast. O Menschennatur, dem WORT Gottes schenkst du leibliches Sein. Mehr Ehre verdienst du deshalb in dieser Hinsicht als die himmlischen und geistigen Kräfte. Denn nicht die Gestalt der Erzengel wollte Christus annehmen, noch der Herrschaften, Mächte und Gewalten unwandelbare Erscheinungen, sondern die deine hat er angenommen, die dem Untergang unterworfen und unvernünftigen Wesen gleichgestaltet ist. Doch bedürfen nicht die Gesunden des Arztes (vgl. Mt 9,12); deshalb hat die von großer Krankheit befallene Menschheit einen solchen Arzt erhalten, damit sie, von der Krankheit geheilt, das Glück der größeren Gesundung genieße. … Brüder, seliger himmlischer Berufung teilhaftig, zu Söhnen und Brüdern Gottes seid ihr berufen! Darum ist es unsere Pflicht, dankbar Den zu preisen, der uns berufen hat.

Quelle: Amphilochios von Ikonium, Predigt zur Geburt Christi, 3-5; PG 39, 40A-41B in: Lothar Heiser, Jesus Christus, Das Licht aus der Höhe, S. 90 ff.

Allen unseren Freunden und unseren Lesern wünschen wir ein frohes Weihnachtsfest und den Segen der Heiligen Nacht.

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O Immanuel

23.12. Gott mit uns / Immanuel

O Immanuel, unser König und Lehrer, du Hoffnung und Heiland der Völker: o komm, eile und schaffe uns Hilfe, du unser Herr und unser Gott.

O Emmanuel, Rex et legifer noster, expectatio gentium, et salvator earum: veni ad salvandum nos, Domine, Deus noster.

Der Name Immanuel geht zurück auf eine Verheißung des Propheten Jesaja. Dort heißt es, dass Gott dem zweifelnden Volk folgendes Zeichen geben wird:

Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel geben. (Jes 7,14)

Der Evangelist Matthäus sieht diese Verheißung in der Geburt Jesu Christi erfüllt:

Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns. (Mt 1,22-23)

Aber, so wird immer wieder gefragt, warum heißt Gottes Sohn dann Jesus und nicht Immanuel? Weil der Name, den Jesaja verheißt, nicht als Eigenname zu verstehen ist, sondern vielmehr die tiefste Eigenschaft des Gottessohnes beschreibt. Gott wird durch dieses besondere Kind seine Gegenwart unter den Menschen auf unüberbietbare Weise offenbaren.
Matthäus und die anderen Evangelisten zeigen uns, wie Jesus sich als der Gott-mit-uns erweist. Jesus nimmt sich der Menschen an, er sieht ihre Nöte und schenkt Heil und Heilung, Vergebung der Sünden und Heilung der Krankheiten. Er lehrt den Weg zum Leben, nimmt die Sünden der Menschen auf sich und trägt sie an das Holz des Kreuzes. Seine Auferstehung schenkt den Vielen das Leben. Als der Auferstandene ist Jesus der wahre Immanuel, der nun durch alle Zeiten und an allen Orten bei den Menschen ist, wie Jesus selbst in den letzten Worten des Matthäusevangeliums sagt:

Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28,20)

Für uns mag die Geburt Jesu als Sohn Gottes eine Selbstverständlichkeit geworden sein, zu selbstverständlich. Die Konzentration auf das Wesentliche des Weihnachtsfestes geht unter im allgemeinen Geschenke-Kauf-Marathon und anderen Vorbereitungen für dieses Fest. Doch weil das Wesentliche verlorengeht, erzeugen wir mit all unserer Geschäftigkeit nichts als Leere und wir wundern uns, warum das Fest dann nicht so schön wird, wie es uns all die Werbespots und Reklamebilder versprochen haben.
Halten wir heute noch einmal kurz inne, lassen wir uns die Worte des Propheten zu Herzen gehen. Mit der letzten O-Antiphon sind wir einen Tag vor Heiligabend schon ganz nahe an das Weihnachtsgeschehen herangerückt. Wir stehen kurz davor, dass sich der Kreis zwischen der prophetischen Verheißung und ihrer Erfüllung schließt. Wir haben unseren Blick auf das Wesentliche des Weihnachtsfestes gerichtet: Gott will mitten unter uns gegenwärtig sein. Gott ist mit uns. Diese Verheißung kann im Leben jedes einzelnen Menschen ihre Erfüllung finden. Gott steht an der Tür und wartet darauf, dass auch du ihn in dein Leben lässt.

Mit dem sehnsuchtsvollen Ruf, der diese Antiphon abschließt, bitten wir eindringlich darum, dass die Gegenwart Gottes unter den Menschen auch heute erfahrbar werde, in einer Welt, die von so vielen Konflikten und Ungerechtigkeiten erschüttert wird, im Leben der Menschen, die entwurzelt sind und keine Heimat haben, aber auch im Leben derer, die sorglos in ihrer Wohlstandswelt dahinleben.

Komm Herr, zeige deine Gegenwart, rüttle uns wach, öffne unsere Augen, Geist und Sinn, dass wir erkennen, was um uns herum geschieht, dass wir aufstehen, und für Gerechtigkeit eintreten. Lass uns deine Gegenwart erfahren und mach uns zu Zeugen dafür, dass du der Immanuel bist, der Gott-mit-uns.

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O König der Völker

22.12. König der Völker / Rex Gentium

O König der Völker, ihre Erwartung und Sehnsucht; Schlussstein, der den Bau zusammenhält: o komm und errette den Menschen, den du aus Erde gebildet!

O Rex Gentium, et desideratus earum, lapisque angularis, qui facis utraque unum: veni, et salva hominem, quem de limo formasti.

Die O-Antiphon am 22. Dezember hebt an mit dem Ruf nach dem rettenden König, den schon die Propheten verheißen haben. Jesaja 7,14 und 11,1 und Micha 5,1 kündigen die Geburt eines Herrschers aus dem Spross Isais (Jes 11,1) an – Isai war der Vater des Königs David – der aus Betlehem (Mi 5,1) – der Geburtsstadt Davids – kommen wird. Diese Verheißungen greift der Evangelist Matthäus auf und sieht sie in Jesus Christus erfüllt. In seinem Stammbaum zeigt er, dass Jesus ein Nachkomme Isais und Davids ist, in Jesu Geburt erfüllt sich die Weissagung von der Jungfrauengeburt aus Jes 7,14 und als die Sterndeuter vor Herodes stehen, weisen die Schriftgelehrten ihnen anhand von Mi 5,1 den Weg nach Betlehem, wo sie dann tatsächlich den neugeborenen König der Juden finden.
Der Glaube sieht in Jesus Christus die sehnsüchtige Erwartung des Volkes Israel nach dem Messias erfüllt. Doch er ist nicht wie David allein der König von Israel. Seine Herrschaft reicht über die Grenzen des Volkes hinweg über die ganze Erde. Paulus greift im Epheserbrief diesen Gedanken auf, indem er zeigt, dass Jesus Juden und Heiden – also alle Menschen – in dem einen gemeinsamen Glauben vereint und somit auch die mit dem Messias verbundene Friedensverheißung der Propheten erfüllt.

Er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. … Er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und uns, den Nahen. … Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. (Eph 2,14.17.19-21)

In seiner Enzyklika „Quas primas“ zur Einführung des Christkönigsfestes schreibt Papst Pius XI.: „Die Herrschaft unseres Erlösers umfasst alle Menschen“ – also nicht nur Christen – „sondern sie umfasst auch alle, die man zu den außerhalb des christlichen Glaubens Stehenden rechnet, so dass ganz wahrhaftig das gesamte Menschengeschlecht unter der Vollmacht Jesu Christi steht.“
Wir fragen uns, ob heute in Zeiten der Religionsfreiheit eine solche Aussage noch tragbar ist. Und doch kennt das Reich Gottes keine Grenzen. Es ist nicht wie mit irdischen Reichen, deren Macht und Einfluss begrenzt ist. Überall auf der Erde ist es möglich, Christ zu sein, und in diesem Sinn können wir sagen, dass sich kein Reich oder kein Ort auf der Erde dem Einfluss Jesu Christi entziehen können. Aber ob einer bereit ist, in das Reich Gottes einzutreten und sich unter Christi Vollmacht zu stellen, das bleibt die freie Entscheidung jedes Menschen.
Als sich das Christentum in den ersten Jahrhunderten ausbreitete, war es die Antwort auf eine Sehnsucht der Menschen, die in den alten Kulten keine Heimat mehr fanden. Das Evangelium traf in die Herzen der Menschen. Heute sehen viele in der Kirche eine erstarrte Institution, von der nichts zu erwarten ist, was die Sehnsucht der Menschen stillt. Viele suchen anderswo ihre Erfüllung.
Als Christen müssten wir Menschen sein, die mit ihrer Freude an Jesus Christus andere anstecken, die zeigen, was Jesus Christus für sie bedeutet, dass er wirklich der ist, der die Sehnsucht unseres Herzens erfüllen kann.

Komm, Herr, entzünde in unseren lauen Herzen das Feuer der Sehnsucht, das uns nach dir brennen lässt!
Du Heiland, den die Völker ersehnen, komm und rette unsere heillose Welt!

Die diesjährigen Texte zu den O-Antiphonen sind der Seite praedica.de entnommen.
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O Morgenstern

21.12. Morgenstern / Oriens

O Morgenstern, Glanz des unversehrten Lichtes, der Gerechtigkeit strahlende Sonne: o komm und erleuchte, die da sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes.

O Oriens, splendor lucis aeternae, et sol justitiae, veni, et illumina sedentes in tenebris et umbra mortis.

Der Morgenstern ist die Venus, der Planet unseres Sonnensystems, der der Sonne am zweitnächsten ist. Sie kreist innerhalb der Erdbahn um die Sonne und „überholt“ dabei etwa alle 19 Monate unseren Planeten. Bei ihrer Annäherung an die Erde steht sie östlich der Sonne und erscheint als „Abendstern“ am Himmel, hat sie aber die Erde überholt und entfernt sich wieder von ihr, so steht sie westlich der Sonne und erscheint als „Morgenstern“. Bei ihrer größten Annäherung rückt sie bis auf vierzig Millionen Kilometer an uns heran, näher kommt uns von den größeren Objekten nur der Mond. Zudem reflektiert sie 76 Prozent des auftreffenden Sonnenlichts und ist damit nach Sonne und Mond der dritthellste Himmelskörper.
Die Venus als Morgenstern ist eines der auffälligsten Lichter am Himmel, zumal sie auch noch nach Sonnenaufgang zu sehen ist, wenn das Licht der anderen Sterne schon längst durch das Sonnenlicht überdeckt wird. Da in der christlichen Symbolik und dabei vor allem auch in der Zeit des Advent das Licht eine große Rolle spielt, kommt hier auch der Morgenstern zu „göttlichen“ Ehren. Er kündigt den Tag an und weckt Hoffnung auf das Ende der Nacht und bleibt zudem auch während der ersten Stunden des Tages ein zuverlässiger Orientierungspunkt.

Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern. (Offb 22,16)

So sagt Jesus von sich in der Offenbarung des Johannes. Man muss wohl einmal das beeindruckende Leuchten des Morgensterns bewusst wahrgenommen haben, um dieses Bild in seiner ganzen Tiefe zu verstehen. In der Offenbarung des Johannes heißt es aber auch:

Wer siegt und bis zum Ende an den Werken festhält, die ich gebiete, dem werde ich Macht über die Völker geben, wie auch ich sie von meinem Vater empfangen habe, und ich werde ihm den Morgenstern geben. (Offb 2,26.28)

O-Antiphonen

Was für eine Auszeichnung! Was könnte kostbarer sein als das helle Licht des Morgensterns? Und wenn man beide Stellen im Zusammenhang sieht, so erkennt man, dass die Auszeichnung der Standhaften letztlich darin besteht, Christus ähnlich sein zu dürfen.
Doch noch leben wir in der Zeit der Anfechtung und Erprobung. Wir haben ein Licht, das uns den Weg weist, die Schriften des Alten Bundes und die Offenbarung, die Gott uns in Jesus Christus gegeben hat. Wir wissen, was zu tun ist, wir haben eine klare Wegweisung für unser Leben und auch viele Vorbilder für diesen Weg. Aber doch erscheint uns der Weg oft unklar. Wir stehen vor Kreuzungen und überlegen, welche Richtung wir einschlagen sollen. Da ist es gut, einen Stern zu haben, der Orientierung gibt. Im zweiten Petrusbrief heißt es:

Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten; denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen. (2Petr 1,19)

Wir leben in der Spannung zwischen dem „schon“ und dem „noch nicht“. Wir gehen dem Morgenstern entgegen, dem Aufgang der Sonne – Christus. Er ist schon gekommen als Licht der Welt, aber sein Glanz hat noch nicht alle Herzen erfasst und durchdrungen. Wir beten darum, dass in uns und allen Menschen das Licht Christi immer stärker leuchten möge. Schön kommt dieser Wunsch in einem bekannten Lied von Angelus Silesius zum Ausdruck:

Morgenstern der finstern Nacht, der die Welt voll Freude macht. Komm herein, Jesu mein, leucht in meines Herzens Schrein. – Voller Pracht wird die Nacht, weil dein Glanz sie angelacht.

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O Schlüssel Davids

20.12. Schlüssel Davids / Clavis David

O Schlüssel Davids, Zepter des Hauses Israel – du öffnest, und niemand kann schließen, du schließt, und keine Macht vermag zu öffnen: o komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes.

O Clavis David, et sceptrum domus Israel, qui aperis, et nemo claudit, claudis, et nemo aperuit: veni, et educ vinctum de domo carceris, sedentem in tenebris, et umbra mortis.

Das Bild vom Schlüssel stammt ursprünglich aus einer Prophezeiung Jesajas (Jes 22,22) und wird in der Offenbarung des Johannes auf Christus hin gedeutet (Offb 3,7). Christus selbst übergibt Petrus die Schlüssel des Himmelreiches (Mt 16,19).
Waren die zweite bis vierte Antiphon in ihren Bildern noch stark auf das Volk Israel bezogen, so öffnen die letzten drei Antiphonen den Blick für das, was der Messias allen Völkern bringen wird.
Der Zugang zum Heil Gottes, der bisher nur dem Volk Israel offen stand und den Heiden verschlossen war, wird durch den Messias allen Völkern eröffnet. So werden alle Menschen aus Finsternis und Tod befreiet und es erfüllt sich die Weissagung des Jesaja (9,1):

Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.

Aphrahat, der Persische Weise, beschreibt, wie Christus nach seinem Tod die Gefangenen aus der Unterwelt befreit: Er betrat die Scheol und führte die Gefesselten heraus. Mit dem Bösen kämpfte er, bezwang ihn und trat ihn nieder, durchbrach seine Bahnen und plünderte seinen Besitz; er zerbrach seine Pforten und riß seine Riegel ab. Er versiegelte unsere Seelen mit seinem eigenen Blut. Er ließ die Gefangenen frei aus der verschlossenen Grube.

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O Spross aus Isais Wurzel

19.12. Wurzel Isais / Radix Jesse

O Spross aus Isais Wurzel, gesetzt zum Zeichen der Völker – vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker: o komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht länger.

O Radix Jesse, qui stas in signum populorum, super quem continebunt reges os suum, quem gentes deprecabuntur: veni ad liberandum nos, jam noli tardare.

Viele Jahre nach dem Auszug aus Ägypten, als das Volk im Land Israel heimisch geworden war, verlangten sie nach einem König. Er sollte das Volk im Namen Gottes führen und leiten. Isai ist der Vater des Königs David, aus dessen Geschlecht die Könige Israels stammten. Nach dem Untergang dieser Dynastie haben die Propheten einen neuen König aus dem Haus und Geschlecht Davids, eben aus der Wurzel Isais, verheißen, der auf dem Thron Davids über alle Völker herrschen wird.
Christus ist dieser neue König. Ihn flehen die Völker an, dass er sie herausführt aus Dunkel und Finsternis in sein Licht. Das Königtum Christi ist anders als das der weltlichen Könige. Sein Reich, das Reich Gottes, ist nicht von dieser Welt. Hier in dieser Weltzeit umspannt es verborgen alle Völker der Erde und wird erst am Ende der Zeiten offenbar werden.

Aus der Wurzel Isais wächst ein Zweig empor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn läßt sich nieder auf ihm, der Geist der Weisheit und der Erkenntnis, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist des Wissens und der Frömmigkeit und es erfüllt ihn der Geist der Gottesfurcht. (Jes 11,1-3)

Die Sterndeuter fragten nach dem neugeborenen König der Juden (Mt 2,2) und vor Pilatus sagt Jesus selbst: „Ja, ich bin ein König.“ (Joh 18,37) Beten wir mit dem Schächer am Kreuz: „Herr, denk an mich, wenn Du mit Deiner Königsmacht kommst!“ (Lk 23,42).

Die diesjährigen Texte zu den O-Antiphonen sind der Seite praedica.de entnommen.
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O Adonai

18.12. Herr / Adonai

O Adonai, Herr und Führer des Hauses Israel, im flammenden Dornbusch bist du dem Mose erschienen und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben: o komm und befreie uns mit deinem starken Arm!

O Adonai, et dux domus Israël, qui Moyse in igne flammae rubi apparuisti, et ei in Sina legem dedisti: veni ad redimendum nos in brachio extento.

SEIN Bote ließ sich von ihm sehen in der Lohe eines Feuers mitten aus dem Dornbusch.

So übersetzt Martin Buber Exodus 3,2. Gottes Bote lässt sich sehen – denn Gottes Angesicht selbst kann keiner schauen und am Leben bleiben (vgl. Ex 33,20).
Er erscheint im Feuer, das im Dornbusch brennt, aber nicht verbrennt. Lebendiges Feuer, das sich nie verzehrt. Normalerweise brennt das Feuer nur solange, wie etwas zum Verbrennen da ist, dann erlischt es und es bleibt Asche zurück. Gottes Feuer brennt, ohne den Brennstoff zu verbrauchen, es speist sich aus sich selbst, es hinterlässt keine Asche.
Unversiegbare Energie, wie sehr würden wir Menschen uns so einen Energielieferanten wünschen. Doch Gott ist mehr als Energie, mehr als eine kosmische Kraft, mit der manche Menschen durch bestimmte Meditationstechniken in Verbindung treten möchten.
Gott hat ein Antlitz, Gott ist Person. Gottes Antlitz, das Mose verborgen im Feuer des Dornbusches sah, ist uns in Jesus Christus auf menschliche Weise erschienen. Adonai, der Herr, wie ihn das Volk Israel nennt, weil es sich aus Ehrfurcht scheut, den Gottesnamen auszusprechen, der dem Mose aus dem Dornbusch offenbart wurde, ist uns Menschen als Mensch nahe gekommen und zeigt uns, was sein Name bedeutet – „ICH BIN DA“.

Sie, die saßen in Dunkel und Finsternis, gefangen in Elend und Eisen, sie schrien in ihrer Bedrängnis zum Herrn und er entriss sie ihren Ängsten. (Ps 107,10.13)

Wir sehnen uns nach der Wärme und dem Licht des Feuers, wir sehnen uns nach Nähe, nach einem Antlitz, das sich uns zuneigt. Wir sehnen uns nach Freiheit. Herr Jesus, wenn du uns befreist, sind wir wirklich frei (Joh 8,36). Komm Herr und mach uns frei!

Gott ist wie ein nie verlöschendes Feuer – und wir sollen uns von diesem Feuer entfachen lassen. Gottes Feuerflamme, sie zeigt sich uns im Heiligen Geist. Wir wissen, dass er am ersten Pfingstfest in Feuerzungen auf die Jünger herabkam und ihnen die Kraft gab, von Jesus Christus Zeugnis zu geben.
Das war kein einmaliges Ereignis. Pfingsten ereignet sich immer neu. In Taufe und Firmung wird jeder Mensch hinein genommen in die Gemeinschaft der Geisterfüllten. Doch leicht wird der Glaube zur Routine, der Funken springt nicht über.
Habe ich die Sehnsucht, dass Gottes Feuer in mir zu brennen beginnt? Wir müssen darum beten, wir können es nicht selbst machen, aber wenn wir bereit sind, zu empfangen, dann wird Gott sein Feuer auch in uns entzünden.
Momente göttlichen Feuers. Wir wissen vielleicht um solche Ereignisse in unserem Leben, wo wir Gottes Gegenwart auf besondere Weise gespürt haben. Halten wir stets die Erinnerung daran wach, lassen wir das Feuer in uns nicht ausgehen.
In einer Erzählung der Chassidim, die Martin Buber uns überliefert hat, heißt es:

Als Levi Jizchak von seiner ersten Fahrt zu Rabbi Schmelke von Nikolsburg, die er gegen den Willen seines Schwiegervaters unternommen hatte, zu diesem heimkehrte, herrschte er ihn an: Nun, was hast du schon bei ihm erlernt?! – Ich habe erlernt, antwortete Levi Jizchak, dass es einen Schöpfer der Welt gibt. – Der Alte rief einen Diener herbei und fragte den: Ist es dir bekannt, dass es einen Schöpfer der Welt gibt? – Ja, sagte der Diener. – Freilich, rief Levi Jizchak, alle sagen es, aber erlernen sie es auch?

Die diesjährigen Texte zu den O-Antiphonen sind der Seite praedica.de entnommen.
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