{"id":4582,"date":"2020-12-05T06:00:00","date_gmt":"2020-12-05T05:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/dominikanische-laien.de\/?p=4582"},"modified":"2020-12-02T17:26:59","modified_gmt":"2020-12-02T16:26:59","slug":"ein-vortrag-ueber-marie-joseph-lagrange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dominikanische-laien.de\/?p=4582","title":{"rendered":"Ein Vortrag \u00fcber Marie-Joseph Lagrange"},"content":{"rendered":"\n<p>Marie-Joseph Lagrange ist eine faszinierende dominikanische<br>Pers\u00f6nlichkeit. Aber haben Sie ihn schon einmal gegoogelt? Auf<br>Franz\u00f6sisch findet sich viel \u00fcber ihn im Internet, doch auf Deutsch ist<br>die Ausbeute mager, viel zu mager&#8230; Lagrange hat uns auch heute noch<br>sehr viel zu sagen, als Vorbild im Glauben, als Pionier der Exegese und<br>als Diener Gottes, f\u00fcr den ein Seligsprechungsprozess l\u00e4uft. Er k\u00f6nnte<br>geradezu der Patron all jener Menschen sein, die die Kirche lieben,<br>obwohl sie an ihr leiden.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Antonia Genovich OP aus der Gruppe &#8222;Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz&#8220; in Regensburg hat seine Pers\u00f6nlichkeit erforscht. Da sie Franz\u00f6sisch<br>spricht, konnte sie auch in Quellen recherchieren, die nicht jedem<br>zug\u00e4nglich sind. Aus dieser Arbeit wurde ein Vortrag, der in der Gruppe<br>grosse Begeistrung hervorgerufen hat &#8211; \u00fcbrigens der letzte Vortrag vor<br>dem Lockdown. F\u00fcr alle, die Lagrange besser kennenlernen m\u00f6chten, ist er<br>hier nun zug\u00e4nglich gemacht, als Einladung zu einer faszinierenden<br>Begegnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Sr. Benedikta Rickmann <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>P. Marie-Joseph Lagrange OP&nbsp;<\/strong>(1855-1938)<\/h2>\n\n\n\n<p><br>Der Dominikaner Pater Marie-Joseph Lagrange ist der Begr\u00fcnder der katholischen Bibelwissenschaft, der Pionier der katholischen historisch-kritischen Bibelexegese.<\/p>\n\n\n\n<p>Lagrange wird am 7. M\u00e4rz 1855 in Bourg-en-Bresse, am Westrand des franz\u00f6sischen. Jura, als Albert-Marie-Henri Lagrange geboren. Er pflegte mit Stolz zu betonen, dass er am Festtag des Hl. Thomas von Aquin geboren sei. Damals feierte man den Aquinaten am 7. M\u00e4rz, heute am 28. Januar. Sein Leben lang wird Lagrange in seinem Werk ein treuer, ein leidenschaftlicher J\u00fcnger des Hl. Thomas bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Er w\u00e4chst in einer sehr gl\u00e4ubigen und intellektuellen Familie auf mit einer frommen und karitativen Mutter, die ihn durch ihre gro\u00dfe Marienverehrung stark beeinflussen wird. So wird auch sp\u00e4ter Maria zur Patronin der von ihm gegr\u00fcndeten Ecole Biblique von Jerusalem.<\/p>\n\n\n\n<p>Lagrange besucht zun\u00e4chst das kleine Seminar von Autun in Burgund. Neben einem starken Interesse f\u00fcr Theologie und Kirche zeigt er auch eine Vorliebe f\u00fcr Arch\u00e4ologie, Geologie, Geschichte und f\u00fcr die Wissenschaften \u00fcberhaupt. Das ganze Lukas-Evangelium kann er in Griechisch auswendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 17 Jahren (1872) lernt er an der Milit\u00e4rschule von Saint-Cyr bei Paris, die Dominikaner kennen, f\u00fcr die er gleich eine gro\u00dfe Zuneigung versp\u00fcrt. Er folgt jedoch zuerst dem Wunsch seines Vaters und studiert Rechtswissenschaften, die er im Alter von 23 Jahren mit dem Doktorat abschlie\u00dft. Anschlie\u00dfend tritt er in das Priesterseminar von Issy-les-Moulineaux, in der N\u00e4he von Paris, ein. Das Noviziat findet bei den Dominikanern in Saint-Maximin, in S\u00fcdfrankreich, statt, und 1880 legt er seine ewige Profess ab. Seine Priesterweihe wird aber von der politischen Lage in Frankreich beeinflusst werden.<\/p>\n\n\n\n<p>1870 wird in Frankreich die Dritte Republik gegr\u00fcndet, die 1905 die Trennung von Staat und Kirche vollzieht, den Laizismus einf\u00fchrt und Frankreich von Grund auf ver\u00e4ndert.1880 werden Dekrete gegen die religi\u00f6sen Kongregationen erlassen, und diese gewaltsam aus Frankreich vertrieben. Die Dominikaner m\u00fcssen Zuflucht in Spanien, in Salamanca finden. Daher wird der junge Lagrange am 22. Dez. 1883 in Zamora zum Priester geweiht, sein Ordensname ist Marie-Joseph.<\/p>\n\n\n\n<p>1886 darf der Orden nach Frankreich zur\u00fcckkehren. In Toulouse soll Lagrange Bibelexegese, Philosophie und Kirchengeschichte lehren. Zwei Jahre sp\u00e4ter wird er nach Wien geschickt, um seine Kenntnisse in den orientalischen Sprachen zu vervollst\u00e4ndigen. Hier studiert er biblische Sprachen, die Sprachen des alten \u00c4gyptens mit den Hieroglyphen und Assyriologie. Er wird auch in die rabbinische Exegese eingef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 5 Jahren (1889) wird Lagrange&nbsp;\u2013&nbsp;er ist 34 Jahre alt &#8211; von seinem Orden nach Jerusalem in den Dominikanerkonvent Saint- Etienne beordert, wo er eine Schule der Heiligen Schrift gr\u00fcnden soll, dies anf\u00e4nglich ohne gro\u00dfen Enthusiasmus seinerseits. Zun\u00e4chst begibt er sich auf eine Orientreise, besichtigt begeistert alle Ortschaften des Neuen Testaments und reist auch durch andere L\u00e4nder des Nahen Ostens. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Konvent Saint-Etienne ist 8 Jahre zuvor (1882) auf den Resten einer von der byzantinischen Kaiserin Eudoxia errichteten und dem ersten M\u00e4rtyrer Stefanus gewidmeten fr\u00fchchristlichen Kirche erbaut worden (5. Jh.), wobei 1882 das Gebiet noch zum Osmanischen Reich geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Bibelschule der Dominikaner soll exklusiv franz\u00f6sisch sein und nur franz\u00f6sische&nbsp;Dominikaner sollen dort unterrichten. Die \u201e<em>\u00c9<\/em><em>cole pratique d\u2019\u00e9tudes bibliques<\/em>\u201c,&nbsp;wie sie sich&nbsp;nennt, \u201eDie Schule&nbsp;f\u00fcr&nbsp;Bibelstudien\u201c, wird am 15. Nov<strong>.&nbsp;<\/strong>1890 offiziell er\u00f6ffnet, am Festtag des Hl. Albert, wie es Lagrange gerne betont.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMan kann die Bibel&nbsp;nicht verstehen, ohne in deren Land zu sein, ohne die orientalischen Sprachen und die Sitten des Heiligen Landes zu kennen\u201c, sagt Lagrange in der&nbsp;Er\u00f6ffnungsrede und k\u00fcndigt damit sein Programm an.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings sind die Anf\u00e4nge schwer, da es an allem fehlt: an Geld, an Material, an B\u00fcchern, an Personal. Es gibt vier Professoren, wobei Lagrange das Alte Testament, hebr\u00e4isch und Assyriologie unterrichten soll. Die Schule z\u00e4hlt f\u00fcnf Sch\u00fcler. Lagrange ist f\u00fcr alles zust\u00e4ndig<em>.&nbsp;<\/em>Neben einem ihn bereits \u00fcberlastenden Unterrichtsprogramm wird er zus\u00e4tzlich zum Prior des Konvents gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Jerusalem vervollst\u00e4ndigt Lagrange seine Kenntnisse in den alten Sprachen wie hebr\u00e4isch, griechisch, aram\u00e4isch, lateinisch, arabisch, \u00e4gyptisch so wie in den zeitgen\u00f6ssischen Sprachen wie deutsch, englisch, italienisch und spanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat k\u00fchne Pl\u00e4ne. Er wei\u00df, dass der Kontrast zwischen der protestantischen wissenschaftlichen Bibelexegese in Deutschland und der traditionellen Bibellehre der katholischen Kirche das katholische Gedankengut in eine Krise gef\u00fchrt hat. Lagrange ist davon \u00fcberzeugt, dass die Bibelexegese weniger w\u00f6rtlich, offener und progressiver sein sollte. Damit folgt er der Enzyklika von Leo XIII.,&nbsp;<em>Providentissimus Deus<\/em>, die eine sowohl traditionelle als auch progressive Bibelexegese empfiehlt. Der Wunsch von Lagrange ist es, eine Schule zu gr\u00fcnden, in der man die Bibel textorientiert literarisch und historisch untersucht und sie andererseits mit der Geografie, Arch\u00e4ologie und Ethnologie des Hl. Landes konfrontiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Jahre nach der Er\u00f6ffnung (1892) erscheint die Quartalzeitschrift&nbsp;<em>Revue Biblique,&nbsp;<\/em>eine wissenschaftliche Zeitschrift auf hohem theologischen Niveau<em>,&nbsp;<\/em>die heute noch herausgegeben wird<em>.&nbsp;<\/em>Hier erkl\u00e4rt Lagrange, wie er sich die Bibelexegese vorstellt. Der Modernismus wollte die Bibel zu einem einfach normalen Text herabstufen, den man wie alle anderen literarischen Texte untersuchen kann, also zu einem Text ohne \u00fcbernat\u00fcrliche Dimension. Lagrange m\u00f6chte eine Exegese, die den Glauben als Fundament hat, im Gegensatz zu den Vertretern des Modernismus. Bereits in der ersten Ausgabe dr\u00fcckt er seine Vision der g\u00f6ttlichen Offenbarung aus.&nbsp;\u201eDie Hl. Schrift (&#8230;) ist f\u00fcr die katholische Kirche wahrhaft nach der Eucharistie das n\u00e4hrende Wort Gottes\u201c, schreibt er. Es wird das Ziel seines ganzen Schaffens sein, uns nahe zu bringen, wie der Hl. Geist durch die Vielfalt der Sprachen und Kulturen der V\u00f6lker des alten Orients die Bibel inspiriert hat und wie auch der Hl. Geist deren eigentlicher Autor ist. Die Zeitschrift findet bald gro\u00dfen Anklang, auch wenn sie von vielen als zu progressiv betrachtet und ignoriert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem genialen Wissenschaftler werden im Laufe der Zeit weder Feindschaften noch Hindernisse noch Kritik und Verbote von Seiten der Kirche, von Rom, erspart bleiben. Diese beginnen 1897 auf dem Kongress von Freiburg, an dem er nach anf\u00e4nglichen Schwierigkeiten endlich teilnehmen darf. Hier spricht er \u00fcber das Pentateuch und stellt die These auf, dass nicht alle f\u00fcnf Teile des Pentateuchs von Moses geschrieben worden seien. Anschlie\u00dfend erscheint sein Vortrag1898 in der&nbsp;<em>Revue Biblique&nbsp;<\/em>und erntet viel Kritik in kirchlichen Kreisen. Gerade die Jesuiten legen einen starken Konservatismus an den Tag und greifen ihn an, wohingegen er bei internationalen Wissenschaftlern Anerkennung findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hauptgedanke von Lagrange ist, dass die religi\u00f6se Authentizit\u00e4t der Hl. Schrift nicht unbedingt auf der literarischen Authentizit\u00e4t der Schriften in der Bibel (z. B. von Moses.&nbsp;David, Jesaja&#8230;)&nbsp;gr\u00fcndet, sondern auf der g\u00f6ttlichen Inspiration der Verfasser der Bibeltexte. Erst 1965, durch die Konzilskonstitution&nbsp;<em>Dei Verbum<\/em>, wird die Kirche ihm recht geben.<\/p>\n\n\n\n<p>1902 nimmt Lagrange an der Konferenz in Toulouse teil, wo er seine historisch-kritische Methode erl\u00e4utert. Die Bibel, die ersten Kapitel des Alten Testaments, meint er, offenbarten die Heilsgeschichte, sie seien aber nicht die Geschichte der Menschheit. Die konservativen Mitglieder der Kirche sind mit dieser These nicht einverstanden. 1903 erscheint&nbsp;\u2013&nbsp;und zwar mit dem Imprimatur &#8211; sein Werk (<em>La M\u00e9thode historique, surtout \u00e0 propos de l<\/em><em>\u2018<\/em><em>Ancien Testament)&nbsp;<\/em>\u201eDie historische Methode, besonders im Hinblick auf das Alte Testament\u201c&nbsp;und findet gro\u00dfe Zustimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Ende des Pontifikats von Leo XIII. hat Lagrange das Vertrauen des Papstes gewonnen. Im Januar 1903 wird er zum Konsultor der neu gegr\u00fcndeten Bibelkommission ernannt und vom Kardinal Staatssekret\u00e4r Rampolla stark unterst\u00fctzt. Im Juli desselben Jahres stirbt aber Leo XIII. Die Wahl von Pius X. k\u00fcndigt f\u00fcr Lagrange eine Zeit gro\u00dfer Schwierigkeiten und Pr\u00fcfungen an.<\/p>\n\n\n\n<p>So offen f\u00fcr neue Entwicklungen Leo XIII. in mancher Hinsicht gewesen war, so traditionsbewusst ist nun Pius X. Er bek\u00e4mpft den Modernismus mit allen Mitteln. Bekannt ist seine Enzyklika&nbsp;<em>Pascendi Dominici gregis&nbsp;<\/em>gegen die Irrt\u00fcmer des Modernismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist nun der Modernismus: Eine Krise in der Kirche, die etwa 20 Jahre dauert (1890- 1914). Es ist der Versuch, den Glauben und die Bibel der g\u00f6ttlichen Inspiration zu entleeren. Sein Hauptvertreter in Frankreich ist Loisy, ein franz\u00f6sischer Priester, der exegetisch arbeitet und der sp\u00e4ter exkommuniziert wird.1902, gleichzeitig mit der \u201eHistorischen Methode\u201c von&nbsp;Lagrange, ist sein Werk&nbsp;<em>L\u2019<\/em><em>\u00c9<\/em><em>vangile et l\u2019<\/em><em>\u00c9glise,&nbsp;<\/em>\u201eDas Evangelium und die Kirche\u201c, erschienen&nbsp;und dieses wird der Krise des Modernismus einen neuen Impuls geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Initiative Pius X. mit der Enzyklika&nbsp;<em>Pascendi&nbsp;<\/em>ist die Antwort auf alle Irrlehren seiner Zeit, die damals die Kirche und den Glauben gef\u00e4hrden. Fraglich ist die Gegenreaktion, die sich dadurch dem Modernismus gegen\u00fcber bildet. Ein System von Denunziationen entsteht, die auch u.a. Lagrange treffen soll. So hat man in den Archiven von Pius X. ein Denunziationsschreiben von P. Louis Heidet, Abt im Patriarchat von Jerusalem, entdeckt, das 1911 an Pius X. geschickt worden ist. Das Schreiben hat vermutlich dazu beigetragen, das Misstrauen des Papstes P. Lagrange gegen\u00fcber zu intensivieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die strenge Haltung des Papstes muss wohl auch der belgische Orientalist P. Alphonse Delattre seinen Einfluss gehabt haben. Er ist ein hartn\u00e4ckiger Feind der&nbsp;\u201eHistorischen&nbsp;Methode\u201c&nbsp;<em>(La M\u00e9thode Historique.)&nbsp;<\/em>und verfasst 1904 eine scharfe Kritik des Werks von Lagrange. Somit hat er ebenfalls zur Vorsicht Pius X. dem Dominikaner gegen\u00fcber beigetragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lagrange darf seine Schriften \u00fcber die&nbsp;<em>Genesis<\/em>, die&nbsp;<em>Sintflut&nbsp;<\/em>und sp\u00e4ter \u00fcber die&nbsp;<em>Patriarchen&nbsp;<\/em>nicht ver\u00f6ffentlichen. Mit exemplarischem Gehorsam beugt sich Lagrange dem p\u00e4pstlichen Willen, wobei er im Geheimen zugibt, wie sehr er&nbsp;leidet. \u201eIch bin ein Wrack\u201c soll er einmal&nbsp;gesagt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1907 wird der Kampf der Kirche gegen die Modernisten immer intensiver. Die Kontrolle und die Verbote nehmen zu, das Dekret&nbsp;<em>Lamentabili&nbsp;<\/em>und die Enzyklika&nbsp;<em>Pascendi&nbsp;<\/em>erscheinen. Mit dem Dekret ist Lagrange einverstanden, denn die ganze Kritik gilt eher Loisy und den Loisy-Anh\u00e4ngern. 1910 verlangt der Hl. Stuhl den Antimodernisteneid, dieser wird von Lagrange ebenfalls mit \u00dcberzeugung unterschrieben, da er genauso den Loisysmus verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>1909 wird in Rom durch Pius X. das P\u00e4pstliche Bibelinstitut (<em>Institut Biblique<\/em>) gegr\u00fcndet und der Leitung des Jesuiten Pater Leopold Fonck, einem entschiedenen Gegner der historisch- kritischen Methode von Lagrange, anvertraut, so dass das Institut in Rom zu einem Konkurrenzunternehmen zur&nbsp;<em>\u00c9cole Biblique&nbsp;<\/em>wird. P. Fonck f\u00fchrt gegen Lagrange einen regelrechten Kreuzzug, und ein paar Jahre sp\u00e4ter (1913) wird in Jerusalem sogar eine Nebenstelle des P\u00e4pstlichen Bibelinstituts er\u00f6ffnet, das Biblicum.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin wendet sich Lagrange dem Neuen Testament zu und verfasst einen Kommentar \u00fcber das Markusevangelium. Nach seiner Ver\u00f6ffentlichung folgen 1921, 1923 und 1925 umfangreiche Kommentare \u00fcber die anderen drei Evangelisten, die 600 bis 780 Seiten umfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>1912 wird das Werk von Lagrange vom Vatikan abgelehnt, und er wird f\u00fcr ein Jahr aus Jerusalem abberufen, ohne jedoch f\u00f6rmlichen Lehrverurteilungen ausgesetzt zu werden. Der Dominikaner unterwirft sich sofort, so schmerzhaft es f\u00fcr ihn auch ist, Jerusalem zu verlassen. Es wird vermutet, dass hinter der kritischen Haltung des Vatikans Lagrange gegen\u00fcber P.Fonck steht. Die sehr vorsichtige, gehorsame und respektvolle Haltung des Dominikaners hat jedoch eine positive Folge. Sein&nbsp;\u201eMarkusevangelium\u201c&nbsp;und seine&nbsp;\u201eHistorische Methode\u201c&nbsp;werden nicht auf den Index gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zehn Monate sp\u00e4ter (1913) darf Lagrange wieder nach Jerusalem zur\u00fcckkehren, aber bald bricht der erste Weltkrieg aus. Die franz\u00f6sischen Dominikaner von St. Etienne werden am 14. Dezember 1914 von der t\u00fcrkischen Polizei nach Damaskus versetzt und erst durch die Intervention vom Papst Benedikt XV. mit anderen Ordensleuten von Damaskus nach Beirut gebracht. Von Beirut segeln sie nach Italien und kommen in Rom an.<\/p>\n\n\n\n<p>In Rom wird Lagrange von Benedikt XV. mit gro\u00dfer Sympathie empfangen. In der Kirche ist eine \u00c4ra zu Ende gegangen, Pius X. ist im August 1914 verstorben und als Nachfolger ist ein Mitarbeiter von Kardinal Rampolla gew\u00e4hlt worden. Mit Benedikt XV. nehmen die strenge Kontrolle und der Argwohn allen neuen Bestrebungen gegen\u00fcber ein Ende. Lagrange muss allerdings noch vier Jahre lang, bis 1919, in Frankreich bleiben, da seine Schule von den osmanischen T\u00fcrken besetzt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorsicht der&nbsp;<em>\u00c9cole Biblique&nbsp;<\/em>gegen\u00fcber bleibt aber nach wie vor bestehen, wobei der Einfluss des konservativen P. Fonck nicht zu untersch\u00e4tzen ist. Sein Institut in Jerusalem genie\u00dft die ganze Unterst\u00fctzung von Benedikt XV. Es ist au\u00dferdem eine deutsch-franz\u00f6sische Rivalit\u00e4t im Spiel, der Erste Weltkrieg hat Spuren hinterlassen. Lagrange genie\u00dft jedoch den vollen R\u00fcckhalt des neuen Ordensmeisters aus der Schweiz, P. Theissling. Dieser bezeichnet die Schule als&nbsp;\u201eden Ruhm des&nbsp;Ordens\u201c,&nbsp;und besucht sie pers\u00f6nlich in Jerusalem. Es ist das erste Mal seit dem 13. Jh., dass ein Ordensmeister des dominikanischen Ordens ins Heilige Land kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist Papst Benedikt XV. verstorben und der neue Papst, Pius XI., ein feinsinniger Intellektueller, ist Lagrange und seiner T\u00e4tigkeit gegen\u00fcber sehr wohl gesonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>1920 wird die Schule von Saint-Etienne als Werk des Ordens von der Franz\u00f6sischen Republik (und der&nbsp;<em>Acad\u00e9mie des Inscriptions et Belles-Lettres<\/em>) als \u201eFranz\u00f6sische&nbsp;und arch\u00e4ologische Bibelschule von Jerusalem\u201c (<em>\u00c9cole biblique et arch\u00e9ologique francaise de J\u00e9rusalem<\/em>) offiziell anerkannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem ist die 1920 ver\u00f6ffentlichte Enzyklika&nbsp;<em>Spiritus Paraclitus&nbsp;<\/em>von Benedikt XV., die sich der Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel widmet, ein Schritt Lagrange entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1983 wird die Schule das Recht erlangen, ein Doktorat in Bibelwissenschaften zu verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 1925 herum&nbsp;\u2013&nbsp;Lagrange ist schon 70 Jahre alt&nbsp;\u2013&nbsp;machen sich bei ihm ernsthafte gesundheitliche Schwierigkeiten bemerkbar. Er arbeitet aber weiter und diesmal schreibt er \u00fcber Christus. So entsteht in 6 Monaten sein&nbsp;<em>\u00c9vangile de J\u00e9sus Christ,&nbsp;<\/em>\u201eDas Evangelium von Jesus Christus\u201c,&nbsp;geschrieben nach seinen eigenen Worten f\u00fcr durchschnittliche Menschen (<em>Ames simples<\/em>) ohne wissenschaftliche Ambitionen. Das Werk umfasst 656 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das&nbsp;\u201eEvangelium von Jesus Christus\u201c, von einer ganzen Generation gelesen, feiert einen immensen Erfolg, mehr als alle anderen Werke. Erst 5 Jahre sp\u00e4ter, am 25. M\u00e4rz 1930, wird es von Rom wohlwollend anerkannt, und zwar von Kardinal Pacelli, dem zuk\u00fcnftigen Pius XII.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinen 80. Geburtstag (M\u00e4rz 1935) feiert P. Lagrange relativ bescheiden. Der Jesuit Bonsirven w\u00fcrdigt ihn in einem Artikel und der Kardinal Li\u00e9nart hat ebenfalls Lobworte in einem Vorwort. Beim Generalkapitel der dominikanischen Provinzialen erkl\u00e4rt der Ordensmeister, P. Gillet: \u201eDie&nbsp;<em>\u00c9cole Biblique&nbsp;<\/em>ist das Kleinod des Ordens\u201c.&nbsp;Gillet schreibt ihm pers\u00f6nlich, um die Dankbarkeit des Ordens zum Ausdruck zu bringen. In Rom allerdings bremst die offizielle Exegese immer noch die Fortschritte der Bibelwissenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun verschlechtert sich der gesundheitliche Zustand von P. Lagrange, er muss nach Frankreich, in das Konvent Saint-Maximin zur\u00fcckkehren (1935), wo er ein Vorbild an Tugend und Fr\u00f6mmigkeit ist, mit immer noch sehr wachem Geist.<\/p>\n\n\n\n<p>1936 erh\u00e4lt er von der Provinz von Toulouse den Titel&nbsp;\u201eMeister in Theologie\u201c.&nbsp;Das Provinzkapitel von Toulouse schreibt&nbsp;u.a. \u00fcber ihn: \u201eIn unserer Zeit leuchtet er wie&nbsp;ein strahlendes Licht und nicht nur f\u00fcr Christen, die ihm zustimmen, sondern auch f\u00fcr die Nichtgl\u00e4ubigen, die ihn trotzdem bewundern. (&#8230;)&nbsp;Die Provinz von Toulouse m\u00f6chte ihn zu Recht zu einem der V\u00e4ter der Provinz erkl\u00e4ren.\u201c&nbsp;Lagrange h\u00e4lt noch sechs Vortr\u00e4ge (1936), aus denen mehrere Ver\u00f6ffentlichungen hervorgehen. Er bleibt in diesen letzten Jahren seines Lebens intellektuell sehr aktiv. Vonseiten der kirchlichen Autorit\u00e4ten kommt aber immer noch Gegenwind.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 10 M\u00e4rz 1938, nach einer Lungenstauung, verl\u00e4sst er, 83 Jahre alt, diese Welt. Jahrzehnte sp\u00e4ter, 1967, werden seine Gebeine in St. Maximin exhumiert und in Jerusalem unter dem Altar von St. Etienne begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>xxx<\/p>\n\n\n\n<p>Was war der Grundgedanke von Lagrange? Er wollte bei der Interpretation der Hl. Schrift Dogma und Kritik vereinen und die Bibel als das offenbarte Wort Gottes betrachten. Die \u00fcbernat\u00fcrliche Dimension der Bibel zu verteidigen, ist das Ziel seines Schaffens und all seiner Opfer gewesen.&nbsp;\u201eDie Bibel ist ein von Gott inspiriertes Buch. (&#8230;) Es ist ein Buch, dessenAutor Gott ist und dessen authentische Interpretation&nbsp;allein der Kirche zusteht.\u201c, schrieb er in der ersten Ausgabe der&nbsp;<em>Revue Biblique<\/em>. Die Originalit\u00e4t seines Werkes beruhte auf der engen Verbindung exegetischer Arbeit mit der Erforschung des Hl. Landes. Lagrange schaffte es, die Berichte der Bibel mit gewissenhafter arch\u00e4ologischer, historischer, ethnologischer und exegetischer Forschung im konkreten Zusammenhang mit den biblischen \u00d6rtlichkeiten zu erhellen. Der Dominikaner hat den Wissenschaftler und den Gl\u00e4ubigen zu einer Synthese gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die akademische Welt erkannte recht fr\u00fch den Wert seiner wissenschaftlichen Beitr\u00e4ge und w\u00fcrdigte sie. Die katholische Kirche brauchte dagegen viel mehr Zeit, so sehr schienen jene Beitr\u00e4ge der traditionellen Interpretation der Bibel entgegenzuwirken. Erst nach seinem Tod sollte eine Umstellung stattfinden, als der Bibelausschuss die historisch-kritische Exegese anerkannte. Unter Pius XII. wurden durch die Enzyklika&nbsp;<em>Divino afflante Spiritu&nbsp;<\/em>vom 30 September 1943 die Verbote, die f\u00fcr die Bibelexegese in der katholischen Kirche ein Hindernis waren, aufgehoben. Die Dogmatische Konstitution&nbsp;<em>Dei Verbum&nbsp;<\/em>vom 18. November 1965 sollte endg\u00fcltig die wissenschaftlichen Errungenschaften von Lagrange legitimieren. 1974 wurde Lagrange von Paul VI. lobend erw\u00e4hnt, genauso 1992 von Johannes Paul II. Auch Kardinal Carlo Maria Martini, ein Jesuit, ehemaliger Rektor des Bibelinstituts in Rom, brachte seine Dankbarkeit P. Lagrange gegen\u00fcber zum Ausdruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dominikaner hinterlie\u00df ein immenses Werk, etwa drei\u00dfig B\u00fccher, mehr als 250 wissenschaftliche Artikel, zahlreiche Rezensionen, insgesamt etwa 16 000 Seiten Bibelwissenschaft. Er kommentierte die vier Evangelien und den R\u00f6merbrief von Paulus. Er widmete dem antiken Judentum zwei Werke, er verfasste drei umfangreiche Werke \u00fcber die Einf\u00fchrung in das Studium des Neuen Testaments, ein Werk \u00fcber die semitischen Religionen und auch ein&nbsp;\u201eLeben des hl. Justinus\u201c&nbsp;usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Erfolg der&nbsp;<em>\u00c9cole Biblique&nbsp;<\/em>ist aber die Jerusalemer Bibel, die wegen ihrer literarischen Qualit\u00e4t und textkritischen Strenge bis heute internationale Beachtung findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Lagrange war ein Betender und ein gro\u00dfer Marienverehrer. Er pflegte eine besondere Liebe zur Unbefleckten Empf\u00e4ngnis. Wenn er arbeitete, schrieb er meistens am Anfang der Seite&nbsp;\u201eAve Maria\u201c. F\u00fcr sein Umfeld war er ein Vorbild durch sein intensives Gebet, seine harte Arbeit, seine Gro\u00dfmut bei Konflikten und seine Bescheidenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Exegeten und Theologen wird er nicht nur&nbsp;als ein \u201eneuer Hieronymus\u201c&nbsp;betrachtet, sondern auch als ein Seliger und ein Kirchenlehrer. Seine Seligsprechung ist 1988 eingeleitet worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum hundertsten Jahrestag der Anerkennung der Schule durch den franz\u00f6sischen Staat besuchte der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Macron dieses Jahr die immer noch vom Dominikanerorden gef\u00fchrte Schule und sah sich mit Interesse die Bibliothek an. Diese beinhaltet ca. 130 000 Werke. Die&nbsp;<em>\u00c9cole Biblique&nbsp;<\/em>ist die bedeutendste Schule, die sich dem Studium der Bibel widmet.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lagrange, Marie-Joseph : Journal spirituel. Les \u00c9ditions du Cerf, Paris 2014.<br>Lagrange, Marie-Joseph :&nbsp;Le sens du Christianisme d\u2019apr\u00e8s l\u2019ex\u00e9g\u00e8se allemande.&nbsp;J. Gabalda,<\/p>\n\n\n\n<p>Paris 1918.<br>Lagrange, M.J.: Das Evangelium von Jesus Christus. F. H. Kerle Verlag, Heidelberg 1949.<\/p>\n\n\n\n<p>Lagrange, Marie-Joseph :&nbsp;L\u2018\u00c9vangile de J\u00e9sus Christ, \u00c9d. Art\u00e8ge-Lethielleux, Paris 2017.<\/p>\n\n\n\n<p>Daniel-Rops : Un Combat pour Dieu. Fayard, Paris 1963.<\/p>\n\n\n\n<p>Montagnes, Bernard : Le P\u00e8re Lagrange. Les \u00c9ditions du Cerf, Paris 1995. Wikipedia<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dr. Antonia Genovich OP<br>Dominikanische Laiengemeinschaft \u201eUnsere Liebe Frau vom Rosenkranz\u201c zu Regensburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marie-Joseph Lagrange ist eine faszinierende dominikanischePers\u00f6nlichkeit. Aber haben Sie ihn schon einmal gegoogelt? 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