{"id":3081,"date":"2017-04-14T09:56:08","date_gmt":"2017-04-14T08:56:08","guid":{"rendered":"http:\/\/dominikanische-laien.de\/?p=3081"},"modified":"2017-04-14T12:07:44","modified_gmt":"2017-04-14T11:07:44","slug":"gott-am-kreuz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dominikanische-laien.de\/?p=3081","title":{"rendered":"Gott am Kreuz"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/dominikanische-laien.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/dasgroemartyrium.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3082\" src=\"http:\/\/dominikanische-laien.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/dasgroemartyrium.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"658\" srcset=\"https:\/\/dominikanische-laien.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/dasgroemartyrium.jpg 456w, https:\/\/dominikanische-laien.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/dasgroemartyrium-228x300.jpg 228w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gott ist dem Menschen nachgegangen, wie es im Gleichnis vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme geschrieben steht (Lk 15), in das Reich des Verlorenseins, in das b\u00f6se Nichts, das unter der Tat des Menschen aufgeklafft war. Gott hat nicht nur liebend hinabgeschaut, den Menschen gerufen und gezogen, sondern ist selbst hineingegangen, wie es Johannes im ersten Kapitel seines Evangeliums so gewaltig ausspricht. Nun stand in der Menschengeschichte Einer da, der Gott war und Mensch. Rein wie Gott; verantwortungsbeladen wie der Mensch.<\/p>\n<p>Dieser hat das Schuldigsein durch- und zu Ende gelebt. Der blo\u00dfe Mensch kann das nicht. Er ist kleiner als die Schuld, die er begeht, denn sie richtet sich gegen Gott. Er kann sie begehen; was sie aber bedeutet, kann er sich nicht mit einer ihrer furchtbaren Bedeutung ebenb\u00fcrtigen Wachheit gegenw\u00e4rtig bringen. Er kann sie nicht ermessen. Er kann sie nicht ausleiden. Er kann sie, die er doch begangen hat, nicht in sein Dasein hereinnehmen und lebend ersch\u00f6pfen. Er verwirrt sich an ihr, verst\u00f6rt, verzweifelt, bleibt aber ihr gegen\u00fcber ohnm\u00e4chtig. Der S\u00fcnde ist nur Gott gewachsen. Er allein vermag sie zu durchblicken, zu ermessen, zu beurteilen. Ihr gesch\u00e4he damit ihr Recht; der Mensch aber, der sie begangen, w\u00fcrde zerbrechen. &#8222;Gnade&#8220; bedeutet, dass Gott hat Gerechtigkeit schaffen, aber den Menschen retten, dass er hat lieben wollen. Er ist Mensch geworden, und so ist ein Wesen erstanden, das Gottes Ebenb\u00fcrtigkeit der S\u00fcnde gegen\u00fcber in einem menschlichen dasein verwirklichte. In einem Menschengeiste und Herzen und Leibe vollzog sich de Abrechnung Gottes mit der S\u00fcnde. Das war das Dasein Jesu.<\/p>\n<p>Jenen Sturz des Menschen in das Nichts, der sich in der Emp\u00f6rung gegen Gott vollzog, und worin das Gesch\u00f6pf nur zerbrechen und verzweifeln konnte, hat Er in der Liebe, wissenden Geistes, freien Willens, f\u00fchlenden Herzens durchgelebt. Um so gr\u00f6\u00dfer die Vernichtung, je gr\u00f6\u00dfer Dr ist, den sie trifft. Niemand ist s o gestorben, wie Christus starb, weil er das Leben selbst war. Niemand ist f\u00fcr die S\u00fcnde gestraft worden, weil er der Reine war. Niemand hat den Absturz in das b\u00f6se Nichts so erfahren wie er &#8211; bis zu jener furchtbaren Wirklichkeit, die hinter dem Worte steht &#8222;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&#8220; &#8211; weil er der Sohn Gottes war. (Mt. 27, 46) Er ist wirklich &#8222;vernichtigt&#8220; worden. Er musste sterben, da er doch noch jung war. Sein Werk wurde ihm erstickt, als es h\u00e4tte aufbl\u00fchen k\u00f6nnen. Seine Freunde wurden ihm genommen, seine Ehre zerst\u00f6rt. Nichts hatte er mehr und nichts war er mehr: &#8222;Ein Wurm und nicht ein Mensch&#8220;. So ist er in einem unausdenklichen Sinne &#8222;hinabgestiegen in die H\u00f6lle&#8220;, welche das Reich ist, wo das b\u00f6se Nichts regiert. Nicht nur als Zerbrecher der Fesseln &#8211; das auch; aber erst, nachdem er es in einer andern, furchtbaren, nur zu ahnenden Weise getan.<\/p>\n<p>Da hat er, der unendlich geliebte Sohn des ewigen Vaters, die absolute Tiefe, den Grund des B\u00f6sen erreicht. Er ist bis zu jenem Nichts vorgedrungen, aus dem die Neue Sch\u00f6pfung geschehen sollte: die <em>re-creatio<\/em>, wie die Alten sagen, die Wieder-Sch\u00f6pfung des bereits seienden, aber zum Nichts abst\u00fcrzenden Geschaffenen in neues Sein: in den Neuen Menschen, den Neuen Himmel und die Neue Erde.<\/p>\n<p>Als Christus am Kreuz hing &#8211; niemand wird ausdenken, wie das war. Im Ma\u00dfe er Christ wird und den Herrn lieben lernt, beginnt er etwas zu ahnen. Wie da alles Tun aufh\u00f6rte, alles Arbeiten, alles K\u00e4mpfen. Wie da kein Ausweichen war, kein Vorbehalt, sondern alles, Leib und Herz und Geist, hineingegeben in eine Flamme unendlichen, alles ausf\u00fcllenden Leidens; in ein Gericht \u00fcber die zu eigen genommene Schuld, das ohne L\u00f6sung fortging, bis zum Tode. Da erreichte er jene Tiefe, aus welcher die Allmacht der Liebe die Neue Sch\u00f6pfung heraufruft.<\/p>\n<p><em>Aus: Romano Guardini: Der Herr. Betrachtungen \u00fcber die Person und das Leben Jesu Christi. Werkbund-Verlag, 1938<\/em><\/p>\n<h4>Bild: Lovis Corinth. Das gro\u00dfe Martyrium<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott ist dem Menschen nachgegangen, wie es im Gleichnis vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme geschrieben steht (Lk 15), in das Reich des Verlorenseins, in das b\u00f6se Nichts, das unter der Tat des Menschen aufgeklafft war. 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