{"id":3067,"date":"2017-04-13T11:00:29","date_gmt":"2017-04-13T10:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/dominikanische-laien.de\/?p=3067"},"modified":"2017-04-14T10:12:00","modified_gmt":"2017-04-14T09:12:00","slug":"vernichtigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dominikanische-laien.de\/?p=3067","title":{"rendered":"Vernichtigung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/dominikanische-laien.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Jesus-Washing-Peters-Feet-at-the-Last-Supper-Ford-Madox-Brown-11926.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3068\" src=\"http:\/\/dominikanische-laien.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Jesus-Washing-Peters-Feet-at-the-Last-Supper-Ford-Madox-Brown-11926.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"472\" srcset=\"https:\/\/dominikanische-laien.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Jesus-Washing-Peters-Feet-at-the-Last-Supper-Ford-Madox-Brown-11926.jpg 900w, https:\/\/dominikanische-laien.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Jesus-Washing-Peters-Feet-at-the-Last-Supper-Ford-Madox-Brown-11926-300x283.jpg 300w, https:\/\/dominikanische-laien.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Jesus-Washing-Peters-Feet-at-the-Last-Supper-Ford-Madox-Brown-11926-768x724.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In dem Bericht \u00fcber das letzte Zusammensein Jesu mit seinen J\u00fcngern wird von einem\u00a0eigent\u00fcmlichen Vorgang erz\u00e4hlt, der auf das christliche Empfinden immer gro\u00dfen Eindruck gemacht hat. Es hei\u00dft da:<\/p>\n<p>Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hin\u00fcberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.\u00a0Es fand ein Mahl statt, und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn zu verraten und auszuliefern.<br \/>\nJesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zur\u00fcckkehrte,\u00a0stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umg\u00fcrtete sich mit einem Leinentuch.\u00a0Dann goss er Wasser in eine Sch\u00fcssel und begann, den J\u00fcngern die F\u00fc\u00dfe zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umg\u00fcrtet war.\u00a0Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die F\u00fc\u00dfe waschen?\u00a0Jesus antwortete ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch sp\u00e4ter wirst du es begreifen.\u00a0Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die F\u00fc\u00dfe waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.\u00a0Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine F\u00fc\u00dfe, sondern auch die H\u00e4nde und das Haupt.\u00a0Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die F\u00fc\u00dfe zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle.\u00a0Er wusste n\u00e4mlich, wer ihn verraten w\u00fcrde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.<br \/>\nAls er ihnen die F\u00fc\u00dfe gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe?\u00a0Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es.\u00a0Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die F\u00fc\u00dfe gewaschen habe, dann m\u00fcsst auch ihr einander die F\u00fc\u00dfe waschen.\u00a0Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.<\/p>\n<p>Was bedeutet dieses Begebnis? &#8230; Im zweiten Kapitel des Philipperbriefes spricht Paulus \u00fcber das, was in der Ewigkeit hinter der Menschwerdung steht. Da sagt er vom Sohne Gottes: &#8220; Da er in Sein und Gestalt Gottes war, sah er es nicht f\u00fcr Anma\u00dfung an, sich Gott gleich zu achten&#8220; &#8211; denn er war es \u00a0&#8211; sondern seine Gesinnung war anders: &#8222;er vernichtigte sich selbst und nahm die Gestalt eines Knechtes an und ward in menschlicher Daseinsform erfunden.&#8220; (Phil.2, 6-7) Hier wird vom ewigen Sohn Gottes gesprochen, der Gott war, dem Vater gleich, und dieser g\u00f6ttlichen Ebenb\u00fcrtigkeit voll bewu\u00dft. in Ihm, in einer jeder Psychologie und Metaphysik unzug\u00e4nglichen Tiefe, ist der Wille erwacht, sich selbst zu &#8222;vernichtigen&#8220;; sich dieses Seins in Glorie, dieser herrschenden Allf\u00fclle um unseres Willen zu ent\u00e4u\u00dfern. So ist er hinabgestiegen. Nicht nur auf der Erde, sondern auf eine Tiefe zu, die wir nicht ermessen k\u00f6nnen; eine furchtbare Tiefe und Leere, von der wir erst dann ein Empfinden bekommen, wenn einmal wirklich, innerlich an uns herantritt, was S\u00fcnde ist. Es ist die Vernichtigung des Opfers, das s\u00fchnt, erl\u00f6st und neu beginnt. &#8230;<\/p>\n<p>Es gibt verschiedenerlei Nichts. Vor allem das einfache, klare, das gemeint ist, wenn man sagt, Gott habe die Welt aus Nichts erschaffen. Das bedeutet, dass Gott Alles war in Allem, und au\u00dfer Gott eben nichts. Das blanke Nicht-Vorhandensein von irgendetwas. Dann kam der Mensch in die Pr\u00fcfung und s\u00fcndigte. Die S\u00fcnde bedeutete mehr, als dass er nur blo\u00df &#8222;schuldig&#8220; war. Der Mensch existiert nicht aus einfachem Vorhandensein wie der Stein oder das Tier., sondern auf das Gute hin. Im freien Gehorsam gegen Gottes Willen soll er sich verwirklichen. Als der Mensch ges\u00fcndigt hatte, war er nicht das gleiche Wesen wie vorher, nur &#8222;schuldig&#8220;, sondern bis auf den Grund des Seins in Frage gestellt. Er h\u00e4tte auf Gott hin leben sollen; statt dessen fiel er von Gott ab. Nun existierte er im Wegsturz von Gott auf das Nichts hin. Aber nicht auf das blanke, gute Nichts des Noch-nicht-da-seins, sondern auf die Zerst\u00f6rung durch das B\u00f6se. Diese Zerst\u00f6rung wird nie ganz erreicht, denn der Mensch, der sich nicht selbst geschaffen, kann sich auch nicht durch die S\u00fcnde aufheben; aber die Vernichtung wird zum Ziel, auf das die Seinsbewegung immerfort zust\u00fcrzt. Diesen unendlich fernen, furchtbaren Punkt nun &#8230; musste Gottes Erl\u00f6sung einholen. Nat\u00fcrlich nicht, indem er selbst s\u00fcndigte, sondern indem er, wie Paulus sagt, sich selbst &#8222;entleerte&#8220;, &#8222;vernichtigte&#8220;. Die Hingabe seiner selbst in die Leere, in die Vernichtigung; nicht dem Sein, sondern der Gesinnung nach; auf der Linie, die das Wort &#8222;wer seine Seele festh\u00e4lt, wird sie verlieren; wer sie aber hergibt um meinetwillen, wird sie gewinnen&#8220; (Mt. 10, 39) meint, ist das Opfer. Dass Gott in das Opfer eingetreten ist; nicht blo\u00df der Mensch Jesus, sondern der menschgewordene Sohn Gottes; und zwar in das Opfer, wie es nach der S\u00fcnde m\u00f6glich und notwendig wurde &#8211; das dr\u00fcckt sich in dem Begebnis aus, von dem wir sprechen: dass Jesus, der sich \u00a0Meister und Herr wei\u00df, den Dienst des Knechtes tut. Hier wird jenes Nichts deutlich, in dem sich die Vernichtungsbewegung des Wegsturzes von Gott eingeholt und aufgehoben wird. Es ist jenes Nichts aus welchem die zweite Sch\u00f6pfung hervorgeht: die Sch\u00f6pfung des Gott zugewendeten, in der Gnade aufs neue heilig-wirklichen Menschen. &#8230;<\/p>\n<p>Wenn die J\u00fcnger ratlos sind, so haben sie recht. Hier wird wahrlich alles umgest\u00fcrzt. Vor dieser Tat sind die menschlichen &#8222;Umwertungen der Werte&#8220; nur Kindereien. Wie ernst es aber Jesus meint, zeigt sein Wort an Petrus: &#8222;Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht &#8230; Wenn ich dich nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft zu mir&#8220;. In dieses Geheimnis der g\u00f6ttlichen Selbsthingabe muss Petrus eintreten, wenn er Anteil an Christus haben will. Es steht im Herzpunkt des Christentums. Darum sagt auch der Herr: &#8222;Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr tuet, wie ich an euch getan habe.&#8220; Sie sollen nicht nur Bescheidenheit lernen und zum Dienst br\u00fcderlicher Liebe bereit sein, sondern in den Mitvollzug des Geheimnisses eintreten.<\/p>\n<p>Jeder christlich Lebende kommt an den Punkt, wo ihn diese Forderung trifft, und er bereit sein muss, in die Vernichtigung mitzugehen: in das, was vor der Welt t\u00f6richt, f\u00fcr das Gef\u00fchl unertr\u00e4glich, dem Verstand sinnlos ist. Was es auch sei: Leid, Unehre, dass geliebte Menschen weggehen oder das Werk zerbricht. Dann entscheidet sich sein christliches Dasein: ob er in jene Tiefe mitgeht und so an Christus Anteil gewinnt. Und was ist das Anderes, wovor wir am Christentum zur\u00fcckschrecken? Darum versuchen wir ja doch aus dem Christentum &#8222;Ethik&#8220; zu machen, oder &#8222;Weltanschauung&#8220;, oder was sonst. Christsein ist aber der Mitvollzug des Daseins Christi. Daraus kommt allein der Friede. Der Herr sagt einmal: &#8222;Den Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.&#8220; (Joh. 14, 27) Friede kommt daraus, das der Sinn zu Ende gelebt wird. Die halben Dinge machen Unfrieden. Jene Bewegung auf das b\u00f6se Nichts hin, die aus der S\u00fcnde kam, muss zu Ende gebracht werden. In irgendeiner Weise m\u00fcssen wir jene Tiefe der Vernichtigung ber\u00fchren, die Christus g\u00f6ttlich durchlebt und ausgesch\u00f6pft hat, wie es sich in den letzten Worten ausdr\u00fcckt, die sagen, dass &#8222;es vollbracht ist.&#8220; (Joh. 19, 30) Jenes Zu-Ende-Gef\u00fchrt-sein des Werkes, jene restlose Verwirklichung des Vaterwillens &#8211; daraus kommt der unendliche Friede, der in Christus ist. Auch uns kommt er nur daher, aus dem Mitvollzug des Geheimnisses.<\/p>\n<p><em>Aus: Romano Guardini: Der Herr. Betrachtungen \u00fcber die Person und das Leben Jesu Christi. Werkbund-Verlag, 1938<\/em><\/p>\n<h4>Bild: Ford Madox Brown. Die Fu\u00dfwaschung von Petrus<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem Bericht \u00fcber das letzte Zusammensein Jesu mit seinen J\u00fcngern wird von einem\u00a0eigent\u00fcmlichen Vorgang erz\u00e4hlt, der auf das christliche Empfinden immer gro\u00dfen Eindruck gemacht hat. Es hei\u00dft da: Es war vor dem Paschafest. 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