Ein Vortrag über Marie-Joseph Lagrange

Marie-Joseph Lagrange ist eine faszinierende dominikanische
Persönlichkeit. Aber haben Sie ihn schon einmal gegoogelt? Auf
Französisch findet sich viel über ihn im Internet, doch auf Deutsch ist
die Ausbeute mager, viel zu mager… Lagrange hat uns auch heute noch
sehr viel zu sagen, als Vorbild im Glauben, als Pionier der Exegese und
als Diener Gottes, für den ein Seligsprechungsprozess läuft. Er könnte
geradezu der Patron all jener Menschen sein, die die Kirche lieben,
obwohl sie an ihr leiden.


Antonia Genovich OP aus der Gruppe „Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz“ in Regensburg hat seine Persönlichkeit erforscht. Da sie Französisch
spricht, konnte sie auch in Quellen recherchieren, die nicht jedem
zugänglich sind. Aus dieser Arbeit wurde ein Vortrag, der in der Gruppe
grosse Begeistrung hervorgerufen hat – übrigens der letzte Vortrag vor
dem Lockdown. Für alle, die Lagrange besser kennenlernen möchten, ist er
hier nun zugänglich gemacht, als Einladung zu einer faszinierenden
Begegnung.

Sr. Benedikta Rickmann

P. Marie-Joseph Lagrange OP (1855-1938)


Der Dominikaner Pater Marie-Joseph Lagrange ist der Begründer der katholischen Bibelwissenschaft, der Pionier der katholischen historisch-kritischen Bibelexegese.

Lagrange wird am 7. März 1855 in Bourg-en-Bresse, am Westrand des französischen. Jura, als Albert-Marie-Henri Lagrange geboren. Er pflegte mit Stolz zu betonen, dass er am Festtag des Hl. Thomas von Aquin geboren sei. Damals feierte man den Aquinaten am 7. März, heute am 28. Januar. Sein Leben lang wird Lagrange in seinem Werk ein treuer, ein leidenschaftlicher Jünger des Hl. Thomas bleiben.

Er wächst in einer sehr gläubigen und intellektuellen Familie auf mit einer frommen und karitativen Mutter, die ihn durch ihre große Marienverehrung stark beeinflussen wird. So wird auch später Maria zur Patronin der von ihm gegründeten Ecole Biblique von Jerusalem.

Lagrange besucht zunächst das kleine Seminar von Autun in Burgund. Neben einem starken Interesse für Theologie und Kirche zeigt er auch eine Vorliebe für Archäologie, Geologie, Geschichte und für die Wissenschaften überhaupt. Das ganze Lukas-Evangelium kann er in Griechisch auswendig.

Mit 17 Jahren (1872) lernt er an der Militärschule von Saint-Cyr bei Paris, die Dominikaner kennen, für die er gleich eine große Zuneigung verspürt. Er folgt jedoch zuerst dem Wunsch seines Vaters und studiert Rechtswissenschaften, die er im Alter von 23 Jahren mit dem Doktorat abschließt. Anschließend tritt er in das Priesterseminar von Issy-les-Moulineaux, in der Nähe von Paris, ein. Das Noviziat findet bei den Dominikanern in Saint-Maximin, in Südfrankreich, statt, und 1880 legt er seine ewige Profess ab. Seine Priesterweihe wird aber von der politischen Lage in Frankreich beeinflusst werden.

1870 wird in Frankreich die Dritte Republik gegründet, die 1905 die Trennung von Staat und Kirche vollzieht, den Laizismus einführt und Frankreich von Grund auf verändert.1880 werden Dekrete gegen die religiösen Kongregationen erlassen, und diese gewaltsam aus Frankreich vertrieben. Die Dominikaner müssen Zuflucht in Spanien, in Salamanca finden. Daher wird der junge Lagrange am 22. Dez. 1883 in Zamora zum Priester geweiht, sein Ordensname ist Marie-Joseph.

1886 darf der Orden nach Frankreich zurückkehren. In Toulouse soll Lagrange Bibelexegese, Philosophie und Kirchengeschichte lehren. Zwei Jahre später wird er nach Wien geschickt, um seine Kenntnisse in den orientalischen Sprachen zu vervollständigen. Hier studiert er biblische Sprachen, die Sprachen des alten Ägyptens mit den Hieroglyphen und Assyriologie. Er wird auch in die rabbinische Exegese eingeführt.

Nach 5 Jahren (1889) wird Lagrange – er ist 34 Jahre alt – von seinem Orden nach Jerusalem in den Dominikanerkonvent Saint- Etienne beordert, wo er eine Schule der Heiligen Schrift gründen soll, dies anfänglich ohne großen Enthusiasmus seinerseits. Zunächst begibt er sich auf eine Orientreise, besichtigt begeistert alle Ortschaften des Neuen Testaments und reist auch durch andere Länder des Nahen Ostens.

Der Konvent Saint-Etienne ist 8 Jahre zuvor (1882) auf den Resten einer von der byzantinischen Kaiserin Eudoxia errichteten und dem ersten Märtyrer Stefanus gewidmeten frühchristlichen Kirche erbaut worden (5. Jh.), wobei 1882 das Gebiet noch zum Osmanischen Reich gehört.

Die neue Bibelschule der Dominikaner soll exklusiv französisch sein und nur französische Dominikaner sollen dort unterrichten. Die „École pratique d’études bibliques“, wie sie sich nennt, „Die Schule für Bibelstudien“, wird am 15. Nov1890 offiziell eröffnet, am Festtag des Hl. Albert, wie es Lagrange gerne betont.

„Man kann die Bibel nicht verstehen, ohne in deren Land zu sein, ohne die orientalischen Sprachen und die Sitten des Heiligen Landes zu kennen“, sagt Lagrange in der Eröffnungsrede und kündigt damit sein Programm an.

Allerdings sind die Anfänge schwer, da es an allem fehlt: an Geld, an Material, an Büchern, an Personal. Es gibt vier Professoren, wobei Lagrange das Alte Testament, hebräisch und Assyriologie unterrichten soll. Die Schule zählt fünf Schüler. Lagrange ist für alles zuständigNeben einem ihn bereits überlastenden Unterrichtsprogramm wird er zusätzlich zum Prior des Konvents gewählt.

In Jerusalem vervollständigt Lagrange seine Kenntnisse in den alten Sprachen wie hebräisch, griechisch, aramäisch, lateinisch, arabisch, ägyptisch so wie in den zeitgenössischen Sprachen wie deutsch, englisch, italienisch und spanisch.

Er hat kühne Pläne. Er weiß, dass der Kontrast zwischen der protestantischen wissenschaftlichen Bibelexegese in Deutschland und der traditionellen Bibellehre der katholischen Kirche das katholische Gedankengut in eine Krise geführt hat. Lagrange ist davon überzeugt, dass die Bibelexegese weniger wörtlich, offener und progressiver sein sollte. Damit folgt er der Enzyklika von Leo XIII., Providentissimus Deus, die eine sowohl traditionelle als auch progressive Bibelexegese empfiehlt. Der Wunsch von Lagrange ist es, eine Schule zu gründen, in der man die Bibel textorientiert literarisch und historisch untersucht und sie andererseits mit der Geografie, Archäologie und Ethnologie des Hl. Landes konfrontiert.

Zwei Jahre nach der Eröffnung (1892) erscheint die Quartalzeitschrift Revue Biblique, eine wissenschaftliche Zeitschrift auf hohem theologischen Niveaudie heute noch herausgegeben wirdHier erklärt Lagrange, wie er sich die Bibelexegese vorstellt. Der Modernismus wollte die Bibel zu einem einfach normalen Text herabstufen, den man wie alle anderen literarischen Texte untersuchen kann, also zu einem Text ohne übernatürliche Dimension. Lagrange möchte eine Exegese, die den Glauben als Fundament hat, im Gegensatz zu den Vertretern des Modernismus. Bereits in der ersten Ausgabe drückt er seine Vision der göttlichen Offenbarung aus. „Die Hl. Schrift (…) ist für die katholische Kirche wahrhaft nach der Eucharistie das nährende Wort Gottes“, schreibt er. Es wird das Ziel seines ganzen Schaffens sein, uns nahe zu bringen, wie der Hl. Geist durch die Vielfalt der Sprachen und Kulturen der Völker des alten Orients die Bibel inspiriert hat und wie auch der Hl. Geist deren eigentlicher Autor ist. Die Zeitschrift findet bald großen Anklang, auch wenn sie von vielen als zu progressiv betrachtet und ignoriert wird.

Dem genialen Wissenschaftler werden im Laufe der Zeit weder Feindschaften noch Hindernisse noch Kritik und Verbote von Seiten der Kirche, von Rom, erspart bleiben. Diese beginnen 1897 auf dem Kongress von Freiburg, an dem er nach anfänglichen Schwierigkeiten endlich teilnehmen darf. Hier spricht er über das Pentateuch und stellt die These auf, dass nicht alle fünf Teile des Pentateuchs von Moses geschrieben worden seien. Anschließend erscheint sein Vortrag1898 in der Revue Biblique und erntet viel Kritik in kirchlichen Kreisen. Gerade die Jesuiten legen einen starken Konservatismus an den Tag und greifen ihn an, wohingegen er bei internationalen Wissenschaftlern Anerkennung findet.

Der Hauptgedanke von Lagrange ist, dass die religiöse Authentizität der Hl. Schrift nicht unbedingt auf der literarischen Authentizität der Schriften in der Bibel (z. B. von Moses. David, Jesaja…) gründet, sondern auf der göttlichen Inspiration der Verfasser der Bibeltexte. Erst 1965, durch die Konzilskonstitution Dei Verbum, wird die Kirche ihm recht geben.

1902 nimmt Lagrange an der Konferenz in Toulouse teil, wo er seine historisch-kritische Methode erläutert. Die Bibel, die ersten Kapitel des Alten Testaments, meint er, offenbarten die Heilsgeschichte, sie seien aber nicht die Geschichte der Menschheit. Die konservativen Mitglieder der Kirche sind mit dieser These nicht einverstanden. 1903 erscheint – und zwar mit dem Imprimatur – sein Werk (La Méthode historique, surtout à propos de lAncien Testament) „Die historische Methode, besonders im Hinblick auf das Alte Testament“ und findet große Zustimmung.

Gegen Ende des Pontifikats von Leo XIII. hat Lagrange das Vertrauen des Papstes gewonnen. Im Januar 1903 wird er zum Konsultor der neu gegründeten Bibelkommission ernannt und vom Kardinal Staatssekretär Rampolla stark unterstützt. Im Juli desselben Jahres stirbt aber Leo XIII. Die Wahl von Pius X. kündigt für Lagrange eine Zeit großer Schwierigkeiten und Prüfungen an.

So offen für neue Entwicklungen Leo XIII. in mancher Hinsicht gewesen war, so traditionsbewusst ist nun Pius X. Er bekämpft den Modernismus mit allen Mitteln. Bekannt ist seine Enzyklika Pascendi Dominici gregis gegen die Irrtümer des Modernismus.

Was ist nun der Modernismus: Eine Krise in der Kirche, die etwa 20 Jahre dauert (1890- 1914). Es ist der Versuch, den Glauben und die Bibel der göttlichen Inspiration zu entleeren. Sein Hauptvertreter in Frankreich ist Loisy, ein französischer Priester, der exegetisch arbeitet und der später exkommuniziert wird.1902, gleichzeitig mit der „Historischen Methode“ von Lagrange, ist sein Werk L’Évangile et l’Église, „Das Evangelium und die Kirche“, erschienen und dieses wird der Krise des Modernismus einen neuen Impuls geben.

Die Initiative Pius X. mit der Enzyklika Pascendi ist die Antwort auf alle Irrlehren seiner Zeit, die damals die Kirche und den Glauben gefährden. Fraglich ist die Gegenreaktion, die sich dadurch dem Modernismus gegenüber bildet. Ein System von Denunziationen entsteht, die auch u.a. Lagrange treffen soll. So hat man in den Archiven von Pius X. ein Denunziationsschreiben von P. Louis Heidet, Abt im Patriarchat von Jerusalem, entdeckt, das 1911 an Pius X. geschickt worden ist. Das Schreiben hat vermutlich dazu beigetragen, das Misstrauen des Papstes P. Lagrange gegenüber zu intensivieren.

Auf die strenge Haltung des Papstes muss wohl auch der belgische Orientalist P. Alphonse Delattre seinen Einfluss gehabt haben. Er ist ein hartnäckiger Feind der „Historischen Methode“ (La Méthode Historique.) und verfasst 1904 eine scharfe Kritik des Werks von Lagrange. Somit hat er ebenfalls zur Vorsicht Pius X. dem Dominikaner gegenüber beigetragen.

Lagrange darf seine Schriften über die Genesis, die Sintflut und später über die Patriarchen nicht veröffentlichen. Mit exemplarischem Gehorsam beugt sich Lagrange dem päpstlichen Willen, wobei er im Geheimen zugibt, wie sehr er leidet. „Ich bin ein Wrack“ soll er einmal gesagt haben.

Ab 1907 wird der Kampf der Kirche gegen die Modernisten immer intensiver. Die Kontrolle und die Verbote nehmen zu, das Dekret Lamentabili und die Enzyklika Pascendi erscheinen. Mit dem Dekret ist Lagrange einverstanden, denn die ganze Kritik gilt eher Loisy und den Loisy-Anhängern. 1910 verlangt der Hl. Stuhl den Antimodernisteneid, dieser wird von Lagrange ebenfalls mit Überzeugung unterschrieben, da er genauso den Loisysmus verurteilt.

1909 wird in Rom durch Pius X. das Päpstliche Bibelinstitut (Institut Biblique) gegründet und der Leitung des Jesuiten Pater Leopold Fonck, einem entschiedenen Gegner der historisch- kritischen Methode von Lagrange, anvertraut, so dass das Institut in Rom zu einem Konkurrenzunternehmen zur École Biblique wird. P. Fonck führt gegen Lagrange einen regelrechten Kreuzzug, und ein paar Jahre später (1913) wird in Jerusalem sogar eine Nebenstelle des Päpstlichen Bibelinstituts eröffnet, das Biblicum.

Daraufhin wendet sich Lagrange dem Neuen Testament zu und verfasst einen Kommentar über das Markusevangelium. Nach seiner Veröffentlichung folgen 1921, 1923 und 1925 umfangreiche Kommentare über die anderen drei Evangelisten, die 600 bis 780 Seiten umfassen.

1912 wird das Werk von Lagrange vom Vatikan abgelehnt, und er wird für ein Jahr aus Jerusalem abberufen, ohne jedoch förmlichen Lehrverurteilungen ausgesetzt zu werden. Der Dominikaner unterwirft sich sofort, so schmerzhaft es für ihn auch ist, Jerusalem zu verlassen. Es wird vermutet, dass hinter der kritischen Haltung des Vatikans Lagrange gegenüber P.Fonck steht. Die sehr vorsichtige, gehorsame und respektvolle Haltung des Dominikaners hat jedoch eine positive Folge. Sein „Markusevangelium“ und seine „Historische Methode“ werden nicht auf den Index gesetzt.

Zehn Monate später (1913) darf Lagrange wieder nach Jerusalem zurückkehren, aber bald bricht der erste Weltkrieg aus. Die französischen Dominikaner von St. Etienne werden am 14. Dezember 1914 von der türkischen Polizei nach Damaskus versetzt und erst durch die Intervention vom Papst Benedikt XV. mit anderen Ordensleuten von Damaskus nach Beirut gebracht. Von Beirut segeln sie nach Italien und kommen in Rom an.

In Rom wird Lagrange von Benedikt XV. mit großer Sympathie empfangen. In der Kirche ist eine Ära zu Ende gegangen, Pius X. ist im August 1914 verstorben und als Nachfolger ist ein Mitarbeiter von Kardinal Rampolla gewählt worden. Mit Benedikt XV. nehmen die strenge Kontrolle und der Argwohn allen neuen Bestrebungen gegenüber ein Ende. Lagrange muss allerdings noch vier Jahre lang, bis 1919, in Frankreich bleiben, da seine Schule von den osmanischen Türken besetzt ist.

Die Vorsicht der École Biblique gegenüber bleibt aber nach wie vor bestehen, wobei der Einfluss des konservativen P. Fonck nicht zu unterschätzen ist. Sein Institut in Jerusalem genießt die ganze Unterstützung von Benedikt XV. Es ist außerdem eine deutsch-französische Rivalität im Spiel, der Erste Weltkrieg hat Spuren hinterlassen. Lagrange genießt jedoch den vollen Rückhalt des neuen Ordensmeisters aus der Schweiz, P. Theissling. Dieser bezeichnet die Schule als „den Ruhm des Ordens“, und besucht sie persönlich in Jerusalem. Es ist das erste Mal seit dem 13. Jh., dass ein Ordensmeister des dominikanischen Ordens ins Heilige Land kommt.

Inzwischen ist Papst Benedikt XV. verstorben und der neue Papst, Pius XI., ein feinsinniger Intellektueller, ist Lagrange und seiner Tätigkeit gegenüber sehr wohl gesonnen.

1920 wird die Schule von Saint-Etienne als Werk des Ordens von der Französischen Republik (und der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres) als „Französische und archäologische Bibelschule von Jerusalem“ (École biblique et archéologique francaise de Jérusalem) offiziell anerkannt.

Außerdem ist die 1920 veröffentlichte Enzyklika Spiritus Paraclitus von Benedikt XV., die sich der Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel widmet, ein Schritt Lagrange entgegen.

Ab 1983 wird die Schule das Recht erlangen, ein Doktorat in Bibelwissenschaften zu verleihen.

Um 1925 herum – Lagrange ist schon 70 Jahre alt – machen sich bei ihm ernsthafte gesundheitliche Schwierigkeiten bemerkbar. Er arbeitet aber weiter und diesmal schreibt er über Christus. So entsteht in 6 Monaten sein Évangile de Jésus Christ, „Das Evangelium von Jesus Christus“, geschrieben nach seinen eigenen Worten für durchschnittliche Menschen (Ames simples) ohne wissenschaftliche Ambitionen. Das Werk umfasst 656 Seiten.

Das „Evangelium von Jesus Christus“, von einer ganzen Generation gelesen, feiert einen immensen Erfolg, mehr als alle anderen Werke. Erst 5 Jahre später, am 25. März 1930, wird es von Rom wohlwollend anerkannt, und zwar von Kardinal Pacelli, dem zukünftigen Pius XII.

Seinen 80. Geburtstag (März 1935) feiert P. Lagrange relativ bescheiden. Der Jesuit Bonsirven würdigt ihn in einem Artikel und der Kardinal Liénart hat ebenfalls Lobworte in einem Vorwort. Beim Generalkapitel der dominikanischen Provinzialen erklärt der Ordensmeister, P. Gillet: „Die École Biblique ist das Kleinod des Ordens“. Gillet schreibt ihm persönlich, um die Dankbarkeit des Ordens zum Ausdruck zu bringen. In Rom allerdings bremst die offizielle Exegese immer noch die Fortschritte der Bibelwissenschaft.

Nun verschlechtert sich der gesundheitliche Zustand von P. Lagrange, er muss nach Frankreich, in das Konvent Saint-Maximin zurückkehren (1935), wo er ein Vorbild an Tugend und Frömmigkeit ist, mit immer noch sehr wachem Geist.

1936 erhält er von der Provinz von Toulouse den Titel „Meister in Theologie“. Das Provinzkapitel von Toulouse schreibt u.a. über ihn: „In unserer Zeit leuchtet er wie ein strahlendes Licht und nicht nur für Christen, die ihm zustimmen, sondern auch für die Nichtgläubigen, die ihn trotzdem bewundern. (…) Die Provinz von Toulouse möchte ihn zu Recht zu einem der Väter der Provinz erklären.“ Lagrange hält noch sechs Vorträge (1936), aus denen mehrere Veröffentlichungen hervorgehen. Er bleibt in diesen letzten Jahren seines Lebens intellektuell sehr aktiv. Vonseiten der kirchlichen Autoritäten kommt aber immer noch Gegenwind.

Am 10 März 1938, nach einer Lungenstauung, verlässt er, 83 Jahre alt, diese Welt. Jahrzehnte später, 1967, werden seine Gebeine in St. Maximin exhumiert und in Jerusalem unter dem Altar von St. Etienne begraben.

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Was war der Grundgedanke von Lagrange? Er wollte bei der Interpretation der Hl. Schrift Dogma und Kritik vereinen und die Bibel als das offenbarte Wort Gottes betrachten. Die übernatürliche Dimension der Bibel zu verteidigen, ist das Ziel seines Schaffens und all seiner Opfer gewesen. „Die Bibel ist ein von Gott inspiriertes Buch. (…) Es ist ein Buch, dessenAutor Gott ist und dessen authentische Interpretation allein der Kirche zusteht.“, schrieb er in der ersten Ausgabe der Revue Biblique. Die Originalität seines Werkes beruhte auf der engen Verbindung exegetischer Arbeit mit der Erforschung des Hl. Landes. Lagrange schaffte es, die Berichte der Bibel mit gewissenhafter archäologischer, historischer, ethnologischer und exegetischer Forschung im konkreten Zusammenhang mit den biblischen Örtlichkeiten zu erhellen. Der Dominikaner hat den Wissenschaftler und den Gläubigen zu einer Synthese gebracht.

Die akademische Welt erkannte recht früh den Wert seiner wissenschaftlichen Beiträge und würdigte sie. Die katholische Kirche brauchte dagegen viel mehr Zeit, so sehr schienen jene Beiträge der traditionellen Interpretation der Bibel entgegenzuwirken. Erst nach seinem Tod sollte eine Umstellung stattfinden, als der Bibelausschuss die historisch-kritische Exegese anerkannte. Unter Pius XII. wurden durch die Enzyklika Divino afflante Spiritu vom 30 September 1943 die Verbote, die für die Bibelexegese in der katholischen Kirche ein Hindernis waren, aufgehoben. Die Dogmatische Konstitution Dei Verbum vom 18. November 1965 sollte endgültig die wissenschaftlichen Errungenschaften von Lagrange legitimieren. 1974 wurde Lagrange von Paul VI. lobend erwähnt, genauso 1992 von Johannes Paul II. Auch Kardinal Carlo Maria Martini, ein Jesuit, ehemaliger Rektor des Bibelinstituts in Rom, brachte seine Dankbarkeit P. Lagrange gegenüber zum Ausdruck.

Der Dominikaner hinterließ ein immenses Werk, etwa dreißig Bücher, mehr als 250 wissenschaftliche Artikel, zahlreiche Rezensionen, insgesamt etwa 16 000 Seiten Bibelwissenschaft. Er kommentierte die vier Evangelien und den Römerbrief von Paulus. Er widmete dem antiken Judentum zwei Werke, er verfasste drei umfangreiche Werke über die Einführung in das Studium des Neuen Testaments, ein Werk über die semitischen Religionen und auch ein „Leben des hl. Justinus“ usw.

Der größte Erfolg der École Biblique ist aber die Jerusalemer Bibel, die wegen ihrer literarischen Qualität und textkritischen Strenge bis heute internationale Beachtung findet.

Lagrange war ein Betender und ein großer Marienverehrer. Er pflegte eine besondere Liebe zur Unbefleckten Empfängnis. Wenn er arbeitete, schrieb er meistens am Anfang der Seite „Ave Maria“. Für sein Umfeld war er ein Vorbild durch sein intensives Gebet, seine harte Arbeit, seine Großmut bei Konflikten und seine Bescheidenheit.

Von Exegeten und Theologen wird er nicht nur als ein „neuer Hieronymus“ betrachtet, sondern auch als ein Seliger und ein Kirchenlehrer. Seine Seligsprechung ist 1988 eingeleitet worden.

Zum hundertsten Jahrestag der Anerkennung der Schule durch den französischen Staat besuchte der französische Präsident Macron dieses Jahr die immer noch vom Dominikanerorden geführte Schule und sah sich mit Interesse die Bibliothek an. Diese beinhaltet ca. 130 000 Werke. Die École Biblique ist die bedeutendste Schule, die sich dem Studium der Bibel widmet.

Literatur

Lagrange, Marie-Joseph : Journal spirituel. Les Éditions du Cerf, Paris 2014.
Lagrange, Marie-Joseph : Le sens du Christianisme d’après l’exégèse allemande. J. Gabalda,

Paris 1918.
Lagrange, M.J.: Das Evangelium von Jesus Christus. F. H. Kerle Verlag, Heidelberg 1949.

Lagrange, Marie-Joseph : L‘Évangile de Jésus Christ, Éd. Artège-Lethielleux, Paris 2017.

Daniel-Rops : Un Combat pour Dieu. Fayard, Paris 1963.

Montagnes, Bernard : Le Père Lagrange. Les Éditions du Cerf, Paris 1995. Wikipedia

Dr. Antonia Genovich OP
Dominikanische Laiengemeinschaft „Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz“ zu Regensburg

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