Gott am Kreuz

Gott ist dem Menschen nachgegangen, wie es im Gleichnis vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme geschrieben steht (Lk 15), in das Reich des Verlorenseins, in das böse Nichts, das unter der Tat des Menschen aufgeklafft war. Gott hat nicht nur liebend hinabgeschaut, den Menschen gerufen und gezogen, sondern ist selbst hineingegangen, wie es Johannes im ersten Kapitel seines Evangeliums so gewaltig ausspricht. Nun stand in der Menschengeschichte Einer da, der Gott war und Mensch. Rein wie Gott; verantwortungsbeladen wie der Mensch.

Dieser hat das Schuldigsein durch- und zu Ende gelebt. Der bloße Mensch kann das nicht. Er ist kleiner als die Schuld, die er begeht, denn sie richtet sich gegen Gott. Er kann sie begehen; was sie aber bedeutet, kann er sich nicht mit einer ihrer furchtbaren Bedeutung ebenbürtigen Wachheit gegenwärtig bringen. Er kann sie nicht ermessen. Er kann sie nicht ausleiden. Er kann sie, die er doch begangen hat, nicht in sein Dasein hereinnehmen und lebend erschöpfen. Er verwirrt sich an ihr, verstört, verzweifelt, bleibt aber ihr gegenüber ohnmächtig. Der Sünde ist nur Gott gewachsen. Er allein vermag sie zu durchblicken, zu ermessen, zu beurteilen. Ihr geschähe damit ihr Recht; der Mensch aber, der sie begangen, würde zerbrechen. „Gnade“ bedeutet, dass Gott hat Gerechtigkeit schaffen, aber den Menschen retten, dass er hat lieben wollen. Er ist Mensch geworden, und so ist ein Wesen erstanden, das Gottes Ebenbürtigkeit der Sünde gegenüber in einem menschlichen dasein verwirklichte. In einem Menschengeiste und Herzen und Leibe vollzog sich de Abrechnung Gottes mit der Sünde. Das war das Dasein Jesu.

Jenen Sturz des Menschen in das Nichts, der sich in der Empörung gegen Gott vollzog, und worin das Geschöpf nur zerbrechen und verzweifeln konnte, hat Er in der Liebe, wissenden Geistes, freien Willens, fühlenden Herzens durchgelebt. Um so größer die Vernichtung, je größer Dr ist, den sie trifft. Niemand ist s o gestorben, wie Christus starb, weil er das Leben selbst war. Niemand ist für die Sünde gestraft worden, weil er der Reine war. Niemand hat den Absturz in das böse Nichts so erfahren wie er – bis zu jener furchtbaren Wirklichkeit, die hinter dem Worte steht „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – weil er der Sohn Gottes war. (Mt. 27, 46) Er ist wirklich „vernichtigt“ worden. Er musste sterben, da er doch noch jung war. Sein Werk wurde ihm erstickt, als es hätte aufblühen können. Seine Freunde wurden ihm genommen, seine Ehre zerstört. Nichts hatte er mehr und nichts war er mehr: „Ein Wurm und nicht ein Mensch“. So ist er in einem unausdenklichen Sinne „hinabgestiegen in die Hölle“, welche das Reich ist, wo das böse Nichts regiert. Nicht nur als Zerbrecher der Fesseln – das auch; aber erst, nachdem er es in einer andern, furchtbaren, nur zu ahnenden Weise getan.

Da hat er, der unendlich geliebte Sohn des ewigen Vaters, die absolute Tiefe, den Grund des Bösen erreicht. Er ist bis zu jenem Nichts vorgedrungen, aus dem die Neue Schöpfung geschehen sollte: die re-creatio, wie die Alten sagen, die Wieder-Schöpfung des bereits seienden, aber zum Nichts abstürzenden Geschaffenen in neues Sein: in den Neuen Menschen, den Neuen Himmel und die Neue Erde.

Als Christus am Kreuz hing – niemand wird ausdenken, wie das war. Im Maße er Christ wird und den Herrn lieben lernt, beginnt er etwas zu ahnen. Wie da alles Tun aufhörte, alles Arbeiten, alles Kämpfen. Wie da kein Ausweichen war, kein Vorbehalt, sondern alles, Leib und Herz und Geist, hineingegeben in eine Flamme unendlichen, alles ausfüllenden Leidens; in ein Gericht über die zu eigen genommene Schuld, das ohne Lösung fortging, bis zum Tode. Da erreichte er jene Tiefe, aus welcher die Allmacht der Liebe die Neue Schöpfung heraufruft.

Aus: Romano Guardini: Der Herr. Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi. Werkbund-Verlag, 1938

Bild: Lovis Corinth. Das große Martyrium

 

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