Chain of preachers of hope: Susanne Witte

Die Berliner Fraternität Lacordaire berichtet im Rahmen der Aktion „Chain of Preachers of Hope“ über Susanne Witte, eine ganz besondere und mutige Frau.

Wenn sich unsere Berliner Fraternität Lacordaire zu ihren Gruppentreffen versammelt, grüßt uns Susanne Witte freundlich und selbstbewußt und schenkt uns immer wieder ein Stück Hoffnung. Diese Hoffnungsgeschichte möchten wir gern mit euch teilen:

Der Raum, in dem wir uns in St. Paulus, der Dominikaner­kirche in Berlin-Moabit treffen, ist derselbe Raum, in dem sich noch heute auch die Senioren treffen. Susanne Witte führte dort „ihre“ Altentagesstätte fast bis zum Ende ihres Lebens 2005. An zwei Tagen in der Woche gab es ein vielfältiges Programm und nebenbei noch eine ganze Reihe andere Aktivitäten, Ausflüge, ein jährlicher Kurlaub an der Rhön. Mit Frau Spiekermeier (Spieki) an ihrer Seite (meistens am Klavier) schuf sie dort Ankerpunkt, Schutz und Zuflucht für viele. Schutz und Zuflucht gewähren prägte ihr ganzes Leben.

1905 wurde Susanne Witte in Berlin geboren, Kindheit, Schulzeit und Jugend verbrachte sie in Berlin-Moabit. In St. Paulus ging sie zur Erstkommunion und schon als junge Frau engagierte sie sich in der Jugendarbeit der Dominikanergemeinde. Fürsorgerin wählte sie als Beruf. Das war ein damals neues Berufsbild für autonome, selbständige Frauen. „Fürsorgerin“ sein war ihre Berufung.

St. Paulus hatte in den 20er Jahren 22.000 Gemeindemitglieder (heute sind es auf der gleichen Fläche ca. 5.500) und war einer der ärmsten Seelsorgebezirke der Stadt, geprägt von Arbeitslo­sigkeit, Kinderreichtum und desolaten Wohnverhältnissen. Die Gemeinde wurde von P. Ulrich Kaiser OP geleitet. „Er weiß, dass Seelsorgerworte allein in dieser schweren Zeit nicht ausreichen. So gründet er verschiedene Hilfsvereine, die sich um Wärmestuben, Volksküchen und Erholungs­heime für Kinder kümmern. Auch beschreitet er neue Wege der Großstadtseelsorge.“[1]. Susanne Witte ist eine wichtige Mitarbeiterin in seinem Team. Anfang der 30er Jahre kann er ein Grundstück in Friedrichshagen, am südöstlichen Stadtrand Berlins erwerben. Dort wird (als Arbeitsbeschaf­fungs­maßnahme für die vielen Arbeitslosen und mit ehrenamtlicher Arbeit von Gemeindemitglie­dern) eine Kapelle und ein bescheidenes Wirtschaftsgebäude errichtet. Fortan fährt sie mit 60-80 Kindern per S-Bahn und Straßenbahn hinaus nach Friedrichshagen: Licht, Luft und Sonne für die Kinder der Moabiter Mietskasernen. Auch Jugendtreffen und „Bekenntnis-Tage“ auf Bistumsebene finden unter ihrer Mitwirkung dort statt.

Bis 1937 kann Susanne Witte als Seelsorgehelferin für die Jugendarbeit in St. Paulus arbeiten. Dann verbieten die Nationalsozialisten, die 1933 die Macht ergriffen hatten, jegliche katholische Jugendsozialarbeit. Susanne Witte muss entlassen werden. Sie findet eine Anstellung im kommu­nalen Gesundheitswesen des Bezirks Reinickendorf. Dort kümmert sie sich vor allem um junge Mütter und alleinstehende berufstätige Frauen. Ihr Engagement in St. Paulus setzt sie auf ehren­amtlicher Basis ungebrochen fort. Sie ist Laiendominikanerin im damaligen III. Orden und leitet die Marianische Kongregation. Zeitlebens liebte sie die schlesischen Marienlieder ganz besonders.

An den von Susanne Witte in St. Paulus veran­stalteten Gruppenaktivitäten nimmt auch ihre jüdische Berufskollegin Ruth Casper teil und kon­vertiert schließlich dort 1926 zum katholischen Glauben. „Wir waren immer sehr verbunden durch unser gemeinschaftliches Leben in der Pfarrei“ er­zählte Susanne Witte. [2] Hier ist ein Hinweis auf die Situation der Juden in Nazi-Deutschland ange­bracht. Schon kurz nach der sogenannten „Macht­ergreifung“ 1933 beginnen mit dem Aufruf, jüdische Geschäfte zu boykottieren, die ersten judenfeind­lichen Maßnahmen. Sie finden vor dem 2. Welt­krieg ihre Fortsetzung vor allem durch die „Nürn­berger Rassegesetze“ von 1935. In ihnen wird festgelegt, wer Jude ist, wer Halbjude etc., verbun­den mit diskriminierenden Regelungen bezüglich Bürgerrechten, Heiratsverboten, Berufschancen. Ein schrecklicher Höhepunkt ist der Brand der Synagogen in ganz Deutschland, die „Reichspogromnacht“ am 9. November 1938. Viele Juden verlassen Deutschland. Seit jener Nacht betete der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg jeden Sonntag öffentlich für die Verfolgten. Er wurde später denunziert und starb 1943 auf dem Weg in ein Konzentrationslager. 1996 wurde er durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Noch einmal dramatisch verschlimmerte sich die Lage der Juden nach dem Anfang des Krieges 1939. Mit den Jahren 1941/1942 beginnt die schlimmste Phase des Holocaust. Die Juden werden aus dem ganzen besetzten Europa in Sammellager und Ghettos im Osten deportiert, in Vernich­tungslager wie Auschwitz und andere gebracht und dort zu Millionen ermordet.

Im Jahr 1942 wird auch Ruth Casper deportiert. Es gelingt ihr noch, Susanne Witte eine Nachricht zukommen zu lassen und die Bitte: „Sorge du für meine Mutter“. Die Mutter, Regina Kirschbaum, eine tiefreligiöse Jüdin, ist in einem „Judenhaus“, einer Art Sammellager am Bayerischen Platz in Berlin, untergebracht. Susanne Witte sucht sie dort auf. „Ich ging also in dieses Haus hin, tat es mit zitternden Knien, aber konnte also noch rein in das Haus, war einige Male da und brachte der Mutter notwendige Dinge, die hatten ja kaum etwas da, zu essen und Kleinigkeiten…“ [3].

Auch die Bewohner dieses Hauses wurden von der Gestapo abgeholt, doch Regina Kirschbaum konnte sich im Keller verstecken und der Deportation entgehen. „Am Abend desselben Tages stand sie vor meiner Tür, diese Frau Kirschbaum, mit einer Handtasche. Und sagte: Kann ich bei Ihnen bleiben? Ich sagte: Selbstverständlich. Sie kam rein, völlig verstört, ich auch völlig verstört, und von da an blieb sie bei mir. Das war insofern ganz einfach und ganz selbstverständlich; ich war allein in der Wohnung, ich hatte keine Angehörigen, ich konnte also niemand gefährden, und sie war die Mutter dieser Freundin, die mir sehr am Herzen lag – und wir wußten beide noch nicht, was aus dieser Tochter geworden war, wir ahnten es nur. Ja, und von da an blieb sie bei mir.“ [4]

Bis zum Kriegsende 1945 bleibt Regina Kirschbaum bei Susanne Witte.

Die beiden Frauen können diese Zeit gemeinsam überstehen auch durch Unterstützung aus dem nahen Umfeld: „Man wußte nur, was man in seinem eigenen kleinen Bezirk oder Raum tat, denn man sprach ja selbst nicht ‚darüber‘, abgesehen von der Pfarrgemeinde, in der ich im Freundes­kreis natürlich Hilfe hatte – wenns vier oder fünf waren, und einer der Geistlichen, die mir dann auch Hilfestellung leisteten, gelegentlich sogar zu mir raufkamen, ein junger Priester, der das wußte und sagte: Hören Sie, es ist Gefahr im Verzuge ich bringe Ihre Jüdin schnell hier gegenüber zu jemanden, die ist nicht verdächtig:“[5]

Oft führen sie zusammen auch religiöse Gespräche, die Susanne -Witte als sehr intensiv und beeindruckend in Erinnerung behalten hat: „Wissen Sie, und diese Jüdin hatte einen Glauben!, das habe ich manchmal schon gesagt, die hat mich beschämt mit ihrem großen, festen Gottes­glauben. Das war unglaublich, die sagte mir manchmal vorwurfsvoll: Sie sind doch Christin, wie können Sie denn solche Angst haben, wenn Sie an Gott und Christus glauben? Wir haben uns häufig über Bibel und solche Sachen unterhalten, also Grundbegriffe der christlichen Religion, weil sie nicht verstand, dass ihre Tochter – sie war die jüngste von dreien – dass die zur katholischen Kirche übergetreten war [6]. Auch den Sabbat konnte Regina Kirschbaum bei Susanne Witte feiern.

Als „selbstverständlich“ bezeichnete Susanne Witte selbst mehrfach ihren Einsatz, obwohl sie um die Gefahr wußte . „Nun ja, dass ich verhaftet würde, das war ganz klar … Wissen Sie, vielleicht habe ich ein kindliches Gottvertrauen gehabt, ich weiß es nicht. Ich habe nie zu Ende gedacht, was da wird. Dass es gefährlich wird, das sagten mir meine allernächsten Freundinnen, die das wußten, die sagten: Bist du wahnsinnig, das geht doch nicht, du kannst doch nicht, und ich sagte: Ja würdet ihr denn die Mutter einer – eines lieben Menschen jetzt auf die Straße lassen und die dem sicheren Tod aussetzen? Würdet ihr …“ [7]

Sie blieb bis zu ihrer Pensionierung als Sozialfürsorgerin im Bezirksamt Reinickendorf. Nach ihrer Berufstätigkeit leite­te sie ehrenamtlich das West-Berliner Müttergenesungsheim „Maria Rast“ und war in vielen Bereichen karitativ tätig. St. Paulus ist weiter ihr eigener spirituel­ler Mittelpunkt und Wirkungsort. Als letz­tes ihrer vielen Projekte gründet sie die Altentagesstätte.

Es war beeindruckend zu sehen, wie integrativ, sensibel und doch bestimmt sie auf Menschen (jung wie alt) zugehen konnte, immer im Blick hatte, wer am Rand stand, Zuspruch oder Ermunte­rung brauchte.

Im Jahre 1999 wird Susanne Witte von der Gedächtnisstätte Yad Vashem in Jerusalem in die Reihe der „Gerechten der Völker“ aufgenommen. Sie starb 2005, nur wenige Wochen vor ihrem 100. Geburtstag.

Wenn wir uns in St. Paulus treffen, grüßt uns ihr Bild und schenkt uns Hoffnung und Zuversicht. Sie hätte gesagt „ganz selbstverständlich“.

Margret Burkart und Hans Gasper

[1]    Burkard Runne OP: In memoriam Susanne Witte. In Kontakt Nr. 33 2005 S. 22-23

[2]    Tonband-Interview mit Susanne Witte am 30.7.1987 geführt von Brigitte Oleschinski. Zitat nach Brigitte Oleschinski: „… dass das Menschen waren, nicht Steine“ Hilfsnetze katholischer Frauen für verfolgte Juden im Dritten Reich. In: Zeitgeschichte 17.1990, S. 395-416

[3]    Ebda.

[4]    Ebda.

[5]    Ebda.

[6]    Ebda.

[7]    Ebda.

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