Komm!

Im Hohen Advent, den letzten sieben Tagen vor der Heiligen Nacht werden die Rufe nach dem Herrn, ausgedrückt durch die O-Antiphonen des Magnificat in der Vesper, immer drängender und flehender. Rückwärts gelesen enthalten die Anfangsbuchstaben  der sieben Anreden ein Anagram – ERO CRAS – morgen werde ich kommen – das wie eine Antwort auf die Anrufungen klingt. Doch zusammen genommen bilden die O-Antiphonen, die stets mit einer dem Alten Testament entnommen bildhaften Anrede des erwarteten Messias beginnen, auch eine Kurzform der Heilsgeschichte in Christus.

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O Sapientia –  bezieht sich auf Christus, das ewige Wort und sein Wirken in der Schöpfung das  der hl. Paulus  (1 Kor. 1,24)“die Weisheit Gottes“ nennt . Die Antiphon spricht von der Weisheit, die aus dem Mund des Allerhöchsten kommt und alles ordnet, mit Bildern, die  Jesaja (Js 11, 2-3) und den Büchern der Sprichwörter (1,20), Sirach (24,3) und der Weisheit (8,1) entnommen sind.

O Adonai – spricht von Christus als demjenigen, der Mose im brennenden Dornbusch erschien und ihm auf dem Berg Sinai das göttliche Gesetz verkündete. Die Bitte „komm und erlöse uns mit starkem Arm“ bezieht sich auf Gottes eigene Worte als er zu Mose sagt: Ich führe euch aus dem Frondienst der Ägypter heraus und rette euch aus der Sklaverei. Ich erlöse euch mit hoch erhobenem Arm und durch ein gewaltiges Strafgericht (Exodus 6,6).

O Radix Jesse – zitiert zwei Kapitel aus Jesaja (11,10 und 52,13 u. 15), die auch von Paulus im Römerbrief (15,12) paraphrasiert werden. Wie die vorige bezeugt diese Antiphon die Erwartung Christi durch das Gesetz und die Propheten, so wie umgekehrt auch die Gegenwart von Mose und Eliah bei der Verklärung Christi die Verschränkung des Alten und des Neuen Bundes aufzeigen.

Die O-Antiphonen  sprechen weder explizit von der Inkarnation, der der Advent ja eigentlich gewidmet ist, noch von der Erwartung von Christi Geburt. Das Leiden und Sterben Christi auf direkte Weise zu thematisieren würde der freudigen Stimmung der Adventszeit widersprechen; indirekt werden sie in der 4. und 5. Antiphon dennoch aufgegriffen.

O Clavis David – o Schlüssel Davids und das darauf folgende „und Zepter des Hauses Israel“ beziehen sich auf die Verkündigung des Engels an Maria, ihr Sohn werde den Thron Davids erhalten und über das Haus Jakobs, der mit anderem Namen Israel heißt,  herrschen in Ewigkeit. Die übrigen Verse greifen die Selbstbeschreibung des „Heiligen“, (einer Umschreibung Jesu)  aus der Offenbarung auf (Offb 3, 7), der wiederum einen Vers des Propheten Jesaja zitiert: So spricht der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet, so dass niemand mehr schließen kann, der schließt, so dass niemand mehr öffnen kann (Jes 22,22). Der Abschluss der Antiphon „Komm und führe den Gefesselten aus der Enge des Kerkers, wo er in Finsternis und Todesschatten sitzt“ zitiert sowohl den Lobgesang des Zaccharias (Lk 1, 68ff) als auch Jes 42, 6-7 und kann traditionell als die Befreiung Adams aus dem Kerker durch Tod und Auferstehung Christi gedeutet werden.

O Oriens – die Anrufungen dieser Antiphon „O Morgenstern, Glanz des ewigen Lichtes und Sonne der Gerechtigkeit“ können alle auf den Auferstandenen und die Erwartung seiner Wiederkunft bezogen werden, während der zweite Teil „Komm und erleuchte jene, die in Finsternis und Todesschatten sitzen“, die vorige Antiphon erneut aufgreift, jetzt jedoch im Plural (erleuchte jene…), womit die ganze Menschheit gemeint ist. Diese Antiphon wird in kosmischer Symbolik am 21. Dezember gesungen, dem Tag, an dem die Sonne „wiederkommt“ und kann auf Mt 24, 27 bezogen werden: „Denn wie der Blitz bis zum Westen hin leuchtet, wenn er im Osten aufflammt, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein“, ebenso wie auf die Selbstbezeichnung Jesu in der Offenbarung als den „strahlenden Morgenstern“  (Offb 22, 16).

O Rex Gentium – die Antiphon des 22. Dezember spricht vom König und Ersehnten der Völker (Hag 2, 8; Jes 33, 22) und dem Eckstein (Ps 118,22; Mt 21,42; Jes 28,16), der aus zweien eine Einheit schafft, dem König also nicht nur Israels, sondern aller Völker. Er ist der Eckstein, der aus Juden und Heiden eine Einheit schafft (Eph, 2,14) und über den die Ungläubigen stolpern. Er wird angefleht, seine Schöpfung, die aus Staub geformt ist (Gen 2,7) und sich nach ihm sehnt, zu erlösen.

O Emmanuel – mit dieser letzten Antiphon redet die Kirche Christus mit dem Namen des Kindes an,  dessen Kommen der Prophet Jesaja ankündigte:  Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben (Jes 7, 14). Während er in der vorletzten Antiphon noch der Ersehnte der Völker war, ist er jetzt der Gesetzgeber und der Erwartete. Der Ersehnte ist schon gekommen und jetzt erwartet sein Volk seine Wiederkunft und das endgültige Heil, ein Thema das während des ganzen Advents immer wieder auftauchte: das erste Kommen des Herrn in der Fülle der Zeit und das zweite am Ende aller Zeiten.

(Anregungen für diesen Beitrag hier und hier)

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