Studientag der dominikanischen Laien und festliche Begehung des Ordensjubiläums in Augsburg

Vom 11.-13. November traf sich die dominikanische Familie in Augsburg zu einem intensiven Wochenende mit mehreren Schwerpunkten.

Am Abend des 11. November lud der Augsburger Dominikanerkonvent nach der gemeinsamen Vesper und einer Führung durch die renovierte Kirche Hl. Kreuz die bereits angereisten dominikanischen Laien und die beiden Postulanten unserer Provinz zur Rekreation ein. Die Schwestern von St. Ursula waren durch ihre Priorin, Sr. Benedikta Hintersberger vertreten. Am 12. November fand dann der diesjährige Provinzstudientag der Dominikanischen Laiengemeinschaften in der süddeutsch-österreichischen Provinz des hl. Albert statt. Das Thema lautete: „Schuld und Erlösung – zur Aktualität des christlichen Angebots einer göttlichen Erlösung für die Menschen“.  Für den Studientag konnte Prof. DDr. Markus Enders von der Universität Freiburg als Referent gewonnen werden.  In vier Einheiten wurde das Thema in Impulsreferaten von Prof. Enders eingeführt und im Lauf des Tages nach den Referaten jeweils folgenden Diskussionen in Gruppen und anschließenden Rückfragen an den Referenten immer stärker intensiviert.

Dabei ging es zunächst um den immer stärkeren Rückgang des Bewusstseins persönlicher Schuld in den säkularisierten westlichen Gesellschaften, die auf einer fehlenden Gewissensbildung beruht. Noch bestehende Schuldgefühle werden oft als therapiebedürftig angesehen. Während weniger skrupulöses Schuldbewusstsein positiv sein kann, führt die vollständige Ablehnung persönlicher Schuld jedoch zur Selbsttäuschung und zu Entschuldungs- und Verdrängungsmechanismen. Denn in der Stimme des Gewissens bleibt ein „Sollensanspruch“ eben doch bestehen, der uns spüren lässt, dass wir mit schlechten Handlungen gegen eine unverbrüchliche Ordnung verstoßen und uns vom objektiv Guten entfernen. Das Gewissen drängt daher zur Wiedergutmachung. Doch für die Tilgung unserer je eigenen, persönlichen sittlichen Schuld halten wir rechtliche, ökonomische und soziale Kompensationsmechanismen und Entschuldigungsrituale in der Regel für ausreichend. Die bedeutsame Unterscheidung zwischen Verzeihen und Vergebung nahm im Laufe des Tages einen breiten Raum ein. Zunächst ging es darum zu verstehen, dass sittliche Verfehlungen immer mittelbar oder unmittelbar Personen schädigen und fatale Folgen nicht nur für den Geschädigten, sondern auch für den Schädigenden selbst haben. Sittliche Verfehlungen sind außerdem auch immer Schuld gegen Gott, der das vollkommen Gute ist. Die Schuld gegen eine Person ist jedoch von einer anderen Qualität als die Schuld gegen eine Instanz (z.B. den Staat) und ist deshalb durch eine Strafe nicht vollständig kompensierbar. Eine Versöhnung ist auf der menschlichen Ebene auf wechselseitige Entschuldung angewiesen, aber ein Akt des Verzeihens durch das Opfer kann die Schuld des Täters nicht aufheben. Die Folgen der Schuld bleiben bestehen. Die böse Tat bzw das Fehlverhalten beeinträchtigt die Gemeinschaft insgesamt – ein Phänomen, das durchaus auch auf säkularer Ebene nachvollziehbar ist. Aus christlicher Sicht bewirkt die böse Tat eine Beeinträchtigung der Seinsordnung selbst und eine Entzweiung von Gott  und von allem was ist, einschließlich des eigenen Selbst.  Diese objektive Schuld ist eine Zurückweisung des vollkommen Guten, also des Schöpfers selbst und kann nicht durch Verzeihen, sondern nur durch Vergeben getilgt werden. Vergeben kann also nur Gott. Gott ist barmherzig und zum Vergeben bereit, jedoch ist er nicht nur barmherzig sondern auch gerecht – diese beiden Eigenschaften Gottes sind untrennbar.

Im großen Offenbarungszusammenhang können wir von unserer objektiven Schuld, deren Konsequenz das Nicht-Sein des Todes ist, nur durch das stellvertretende Sühneleiden Jesu Christi erlöst werden. Das heilsstiftende Wirken Gottes kann nur erlösungswirksam werden, wenn der Heilsträger selbst ohne Sünde ist.  Der schuldig gewordene Mensch muss die Schuld durch die er unfrei geworden ist, durch Umkehr abgelten.

Aber nur Gott kann vergeben und erlösen, auch ein sündenfrei gebliebener Mensch kann das nicht. Deshalb musste Gott selbst Mensch werden. Als Mensch musste Jesus , also Gott selbst, die Tatstrafe der Sündenfolge, also die Gottverlassenheit erleben, ohne selbst gesündigt zu haben. Das Kreuz ist somit die größtmögliche Erprobung der Gottergebenheit des Gottessohnes und bewirkt dadurch die Erlösung aller Menschen. Dieses Angebot muss jedoch von jedem Einzelnen angenommen werden. Nehmen wir es nicht an, bewirkt das die ewige Entzweiung. Das jüngste Gericht ist lediglich der objektive Vollzug unseres Richterspruchs über uns selbst. Mit dem Tod wird unsere Entscheidung endgültig und kann nicht mehr korrigiert werden. Deshalb wäre die Hölle ja auch so schrecklich: Das Grundwollen des Menschen, das auf Gott abzielt, haben alle Menschen zumindest unbewusst, ist aber nach einer endgültigen bewussten Entscheidung gegen Gott nach dem Tod nicht mehr erfüllbar.

Nach dieser schweren Kost und der Vesper in der Hauskapelle trafen sich alle wieder zur Rekreation, bei der noch intensiv über das Thema des Tages weiter diskutiert wurde.

 

 

Am Sonntag dann fand ein großes Fest statt. Die Augsburger Dominikaner wollten sich nicht damit abfinden, dass beide deutschsprachigen Provinzen das Ordensjubiläum im fernen Köln und bereits im Juni gefeiert hatten, sondern wollten den Augsburgern auch etwas bieten. Und das ist nach allen Regeln der Kunst gelungen. Am Morgen versammelten sich alle Zweige der dominikanischen Familie mit zahlreichen illustren Gästen, darunter drei Äbte, Vertreter des Hauses Wittelsbach, der Stadt Augsburg, der Parteien und des Zirkus Krone und dem treuen Kirchenvolk aus Augsburg und Umgebung zum Festgottesdienst in der Hl- Kreuzkirche. 15036322_1502556293091970_3285186176909955113_n 15134625_1502554596425473_8886632567583002109_nHauptzelebrant und Prediger war Weihbischof Anton Losinger. Zu den Konzelebranten gehörten u.a. Weihbischof Josef Grünwald, Pater Provinzial Thomas Gabriel Brogl,  die Augsburger Dominikanerpatres, besagte Äbte u.v.m. Die Messe wurde begleitet von der „Musica Suevica“ unter Franz Wallisch, die die Missa solemnis für Soli, Chor und Orchester des Beethoven-Freundes Franz Xaver Kleinheinz sang. Viele schöne Bilder gibt es hier.

Danach folgte ein Empfang in den Räumlichkeiten des Klosters und anschließend ein Festakt wiederum in der Kirche mit Grußworten und Vorträgen.

P. Dr. Wolfram Hoyer OP sprach zur Ordensgeschichte, fr. Florian Moscher OP über die Bedeutung des Rosenkranzes im Predigerorden und die Präsidentin der dominikanischen Laiengemeinschaften in der süddeutsch-österreichischen Provinz Frau Melanie Delpech OP über den Auftrag der Laien im Dominikanerorden. Ihre Ansprache ist am Ende des Beitrags vollständig wiedergegeben.

15036597_1504218096259123_176593209658554004_nDie Feier endete mit einem gemeinsamen Mittagessen in den Räumen des Klosters. Unser Dank für das schöne Fest gilt den Brüdern des Dominikanerkonvents von Augsburg und insbesondere P. Prior Paul Schäfersküpper, zugleich der Promoter der dominikanischen Laien unserer Provinz.

 

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Der Auftrag der Laien im Dominikanerorden

Frau Melanie Delpech OP

Als ich über die Frage nachdachte, welchen Auftrag die Laien im Dominikaner Orden haben, stellte sich mir die noch weitergehende Frage: Braucht der Orden überhaupt einen Laienzweig? – Ich mache ein Gedankenexperiment und stelle diese Frage in den Kontext der aktuellen Frage nach den Migranten in unsrer Gesellschaft: Braucht Deutschland Migranten?

Vielleicht ist dies doch nicht so abwegig wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. – Erinnern wir uns kurz:

Vor gut einem Jahr hat unsere Bundeskanzlerin Merkel die Grenzen zu Deutschland geöffnet mit der Parole: „Das schaffen wir!“. Daraufhin kamen Hunderttausende Flüchtlinge ins Land. Die Reaktion der deutschen Bevölkerung war sehr gemischt und pendelte zwischen „Herzlich willkommen“ und: „Mach die Grenzen wieder zu, es zieht!“. – Ein zweiter Gedanke:

Vor Einberufung des Zeiten Vatikanischen Konzils sagte der damalige Papst Johannes XXIII: „Macht die Fenster auf! Lasst frische Luft in die Kirche hinein!“. In der Folge des Konzils wurden die sogenannten „Laien“ in der Kirche gewissermaßen wieder entdeckt und es kam zu einer Renaissance des gemeinsamen Priestertums und einer neuen Wertschätzung der Laien und des Ehrenamtes. – Die Reaktion mancher Kreise innerhalb unsrer Kirche pendelte damals auch zwischen einem „Herzlich willkommen!“ und einem „Macht die Fenster zu, es zieht!“

Das 2. Vatikanische Konzil war eine echte „ Kulturrevolution“ für die Laien insgesamt und für den Laienzweig des Dominikanerordens im Speziellen. Bis dahin waren wir „Laien-Dominikaner“ im Großen und Ganzen nur so etwas wie eine fromme Vereinigung! – Es waren vor allem die Arbeiten von Yves Congar OP, die den Weg für eine neue Wahrnehmung der Funktion der Laien in der Kirche öffneten.

1987 schrieb der damaligen Ordensmeister Damian Byrne: „Die Laien sind nicht mehr nur Empfänger unserer Sendung. Da müssen wir Dominikaner uns ein paar Fragen stellen: Wie fühlen wir uns und wie reagieren wir angesichts des Erwachens der Laien? Nehmen wir dieses Faktum gerne an? Ignorieren wir es in unserer Selbstgenügsamkeit? Verwerfen wir es aufgrund unberechtigter Ängste? Was sind unsere Einstellungen und unsere Taten im Verhältnis zu den Laien? Welchen Platz nehmen sie in unserem apostolischen Dienst, in der Entwicklung und Durchführung unserer apostolischen Projekte ein?“

In den letzen 20 Jahren ist in dieser Provinz und auch weltweit im Orden vieles getan worden, um die Teilnahme der Laien an der gemeinsamen Sendung des Ordens zu ermöglichen und zu fördern.

Unsere „ Integration“ in den Orden macht Fortschritte, sie ist noch nicht vollendet. (z.B.: Mit dem Namens-Zusatz „OP“ hapert es noch. Dieses „OP“ nach dem Namen ist so etwas wie die doppelte Staatsbürgerschaft! Wir könnten also nicht mehr abgeschoben werden! )

Dass es so eine lange Zeit gedauert hat, bis die Laien im Dominikanerorden wirklich in die Strukturen und den Auftrag des Ordens eingebunden wurden, liegt aber nicht nur an Vorbehalten des Ordens gegenüber seinem Laienzweig, sondern paradoxerweise auch am unzureichenden Verständnis der Ergebnisse des II. Vatikanum. Wie viele von Ihnen miterlebt haben, entstand unmittelbar nach dem Konzil ein Gefühl unter Katholiken, dass die Verkündigung des Evangeliums an Nicht-Christen nicht mehr notwendig wäre. Es schien, als ob die Dokumente dafür plädierten, dass Erlösung auch in anderen Religionen zu finden wäre und dass weder Jesus Christus noch die Katholische Kirche eine unverzichtbare Rolle in Gottes Plan für das Heil der Menschen und der Welt spielen. Es keimte unter Katholiken ein grundlegender Zweifel, ob die Sakramente, der Glaube an Jesus Christus und die Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche wirklich unverzichtbar wären. Glaubenswahrheiten schienen in der Nachkonzilszeit wie Dominosteine einer nach dem anderen zu fallen. Wozu noch verkündigen? Diese Unsicherheit spüren wir bis heute.

Dazu kommt eine gewisse Unklarheit innerhalb der Kirche über die Bedeutung von „Zeugnis geben“. Die Betonung ist oft auf das Zeugnis des Lebens gelegt worden, die Verkündigung durch das Wort hingegen eher in den Hintergrund gerückt.

Themen wie die Zusammenarbeit mit Nicht-Christen, die Mitarbeit in den Bereichen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung traten in den Vordergrund – alle zweifelslos wichtig und notwendig – aber mit der Folge, dass die Verkündigung des Wortes etwas vernachlässigt wurde oder eher den theologischen Fachleuten oder Amtsträgern überlassen wurde. Dies führte dazu, dass die Laiendominikaner sich darauf konzentrierten, durch ihr Lebenszeugnis „ Sauerteig für die Welt und Salz der Erde“ zu sein, und dabei das Glaubenszeugnis durch die Verkündigung des Wortes nicht unbedingt als ihren Auftrag betrachtet haben. Aber christliche und vor allem dominikanische Berufung muss beides implizieren: Das Zeugnis des Lebens und des Wortes.

Gerhard Stookey OP warnt alle Dominikaner davor sich „ Dominikaner“ zu nennen statt Prediger. Wenn wir uns einfach Dominikaner nennen, meint er, liefen wir Gefahr einfach nur die kulturelle Schönheit – Christ oder Dominikaner zu sein- vor Augen zu haben. Das Wort Dominikaner verleite uns dazu, untätig und neutral zu sein. Es erlaube uns die Sicht auf uns, dass wir jemand sind. Das Wort „ Prediger“ dagegen sei äußerst aktiv; es kann nicht als schlichte Identitätsbezeichnung gebraucht werden, sondern zeigt an, dass wir anderen predigen müssen. Ganz wie Jesus und Dominikus müssen wir Grenzen überschreiten.

Als Laiendominikaner, “ Prediger“ zu sein verlangt von uns eine dreifache Selbstentgrenzung:

1) Ein Laiendominikaner muss zuerst ein von Gott getroffener Mensch sein. Dies bedeutet, dass wir den Mut aufbringen müssen, in Beziehung zu Jesus Christus zu treten, und uns Ihm aussetzen. Dies verlangt von uns, die Grenzen unseres Selbst fallen zu lassen und Christus in unser Innerstes, in unser Herz, in unser Leben eintreten zu lassen. Das Evangelium will unter die Haut gehen. Es will uns verwunden, verwandeln und heilen. Nur dann sind wir glaubwürdig, und Glaubwürdigkeit ist die Grundvoraussetzung dafür, dass die Verkündigung den Hörer erreicht. Sonst sind wir wie ein Mensch, der eine Heirat vermitteln will. Er ist aber dem Bräutigam persönlich nie begegnet; er hat nur ein Bild von ihm und ein paar überlieferte Anekdoten. Ob er damit die Braut überzeugen kann?

2) Zugleich muss der Laiendominikaner ein von den Menschen Getroffener sein. Vor 2 Jahren erschien ein Roman auf Englisch (er wurde später auf Deutsch übersetzt), er heißt „The Book Thief – Der Bücher Dieb“. Er wurde aus der Sicht des Todes geschrieben. Am Schluss des Romans sagt der Tod, „ I am haunted by mankind“, was so viel bedeutet wie: ich bin von den Menschen ergriffen und sie lassen mich nicht los. Sie verfolgen mich: Ihr Schicksal, ihr Leid und ihre Freude, ihr Leben und ihr Tod, ihr Lachen und ihre Tränen – sie lassen mich nicht los.

Wir werden, wenn wir von den Menschen wirklich ergriffen sind, die Grenzen der Selbstbezogenheit überschreiten. Timothy Radcliffe, ehemaliger Ordensmeister sagte, “ Niemand kann verkündigen, ohne verwundet zu werden. Das Wort wurde Fleisch und wurde verwundet und getötet. Wenn wir Verkünder eben dieses Wortes sind dann werden auch wir verwundet werden.“

3) Und „ last but not least“ müssen wir Prediger die Grenzen unserer eigenen Kirche verlassen, um an die Peripherien zu gehen. Wir müssen die Kirche als „Schutzzone“, Heimat und manchmal Ghetto oder Parallelwelt verlassen, um auf die Suche nach den Suchenden zu gehen. Wir können nicht mehr erwarten, dass die Menschen zu uns kommen. Wir müssen bereit sein, in ihre Welten einzutreten. Sehr oft haben wir Angst uns lächerlich zu machen oder mit Aggression konfrontiert zu werden. Aber wir dürfen nicht „ unter uns“ bleiben wollen, im warmen Nest, innerhalb geschützter Grenzen.

In einem 2001 geschriebenen Artikel fragte Frau Zaida Rocha Ferraira OP: „Was ist die spezifische Art, in der Laiendominikaner die Wahrheit des Evangeliums verkünden sollen?“

Meine Antwort wäre, es gibt keine spezifische Art. Wir alle, die wir uns an diesen Orden gebunden haben, nehmen teil an seiner gemeinsamen Berufung und partizipieren an seiner gemeinsamen Sendung zur Verkündigung.

Mit der Kurzlesung aus den Laudes am Fest des hl. Vaters Dominikus möchte ich diese Rede beenden:( Eph 3,8-9) .

„ Mir, dem Geringsten unter allen Heiligen, wurde diese Gnade geschenkt: Ich soll den Heiden als Evangelium den unergründlichen Reichtum Christi verkündigen und enthüllen, wie jenes Geheimnis Wirklichkeit geworden ist, das von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer das Alls, verborgen war.“

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