Psalmen singen

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Ein Wallfahrtspsalm

Als der HERR das Los der Gefangenschaft Zions wendete, *
da waren wir wie Träumende.
Da war unser Mund voll Lachen *
und unsere Zunge voll Jauchzen.
Da sagte man unter den Völkern: *
„Groß hat der HERR an ihnen gehandelt!“
Ja, groß hat der HERR an uns gehandelt. *
Da waren wir fröhlich.
Wende doch, unser Geschick, *
wie du die Trockentäler füllst im Südland!
Die mit Tränen säen, *
sie werden ernten mit Jauchzen.
Sie gehen, sie gehen und weinen *
und tragen den Samen zur Aussaat.
Sie kommen, ja kommen mit Jauchzen *
und tragen ihre Garben.

Dies ist der 126. Psalm, der 126. von 150 lyrischen Texten, die uns die Bibel überliefert und die geschrieben wurden, um gesungen zu werden. Das Wort „Psalm“ stammt aus dem Griechischen und bedeuet „Saitenspiel“, der Apostel Paulus fordert uns auf: „Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen“ (Eph 5,19; Kol 3,16). Und die Vertonungen der Psalmen reichen von der Gregorianik über Schütz und Brahms bis zu „Rivers of Babylon“, mit dem Boney M. 1978 an die Spitze der Pop-Charts gelangte.
Das gemeinschaftliche Singen der Psalmen ist wesentliches Element des Stundengebets, das von Mönchen und Nonnen gepflegt wird. Und auch für uns Dominikanische Laien, so steht es in unserer Regel, ist es „eine der wichtigsten Quellen, aus denen wir die Kraft schöpfen, unserer eigenen Berufung gerecht zu werden – einer Berufung, in der Kontemplation und Apostolat unlösbar ineinander verschränkt sind“.
Aber wie singt man gemeinschaftlich einen Psalm? Schon beim oberflächlichen Schauen auf die „Lieder des Volkes Israel“ wird deutlich, dass wir keine Melodie haben, auf die wir sie singen könnten: Der Text ist zwar in Verse gegliedert, aber die sind alle unterschiedlich lang! Die einfachste Methode ist, alles auf einem einzigen Ton zu singen, quasi zu rezitieren.
In der Mitte jedes Verses, die alle aus zwei Halbversen bestehen, macht man eine Pause. Ist der Psalm zum Singen eingerichtet, findet sich an dieser Stelle ein *. In dieser Pause ist Zeit, sich mit dem Text des Psalms auseinanderzusetzen und nachzudenken, was der eben gesungene Halbvers für das eigene Leben bedeuten könnte. Die Pause ist allerdings nicht sehr lang: Sie ist so lang, dass die Sänger ihre restliche Luft ausatmen können, die Atemmuskulatur entspannen und in Ruhe wieder einatmen können. Das entspricht unserem normalen Atemrhythmus, und die Pause zwischen Aus- und Einatmen brauchen wir, weil nur während der Pause sich unsere Atemmuskulatur erholen und mit Nährstoffen versorgt werden kann. Die Konzentration auf den eigenen Atem kann helfen, vom Denken zum Spüren zu kommen und uns so eine tiefe Dimension unseres Seins zu erschließen.
Was wir heute vor allem als Zen-Meditation kennenlernen, wird von Benediktiner, Zisterziensern, Dominikanern und anderen klösterlichen Gemeinschaften seit Jahrhunderten praktiziert. „Stundengebet“ wird diese Gottesdienstform genannt, weil es das Gerüst für die Stunden des Tages bildet; dazu gehören unter anderen die Laudes bei Sonnenaufgang, die Vesper am Abend und die Komplet zur Nacht.
Psalmensingen ist Meditieren über einen Text. In den Psalmen finden sich die unterschiedlichsten Texte und Emotionen: Bitten und Klagen, Lob und Dank, Texte für die Wallfahrt, für den Kult am Tempel, für den König. Bei vielen Psalmen wird König David als ihr Autor genannt, der ungefähr 1.000 Jahre vor Christus gelebt hat. Somit haben die Texte ein beträchtliches Alter. Trotzdem sind sie in ihren Aussagen immer noch aktuell, denn in ihren Formulierungen sind sie wenig konkret und dadurch offen für verschiedene Interpretationen.
Manchmal schenkt Gott einem einen Psalmvers, der etwas tief in mir zum Schwingen bringt. Ein anderes Mal schickt derselbe Psalm meine Seele auf eine ganz andere Reise. Und man muss nicht alles auf sich beziehen: Ich liebe Psalm 51 wegen seines tiefen Vertrauens auf das Verzeihen Gottes und muss mich nicht schuldig fühlen, nur weil der Psalm das thematisiert:

Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Güte, *
in der Fülle deines Erbarmens tilge meine Frevel.
Wasche die Schuld ganz von mir ab, *
und reinige mich von meiner Sünde.
[…]
Entsündige mich mit Ysop, so werde ich rein, *
wasche mich, so werde ich weißer als Schnee.
Lass mich Jubel und Freude erfahren! *
Frohlocken sollen die Glieder, die du zerschlagen hast. (Ps 51,3.4.9.10)

Im Stundengebet werden die Psalmen in zwei Gruppen gesungen, die sich nach jedem Vers abwechseln. Dadurch entsteht ein wohltuender Wechsel zwischen Spannung und Entspannung. Der Moment der höchsten Spannung ist dabei der Beginn des zweiten Halbverses: der Versuch, nach der Atem- und Meditationspause gemeinsam weiter zu singen. Würde ein Dirigent oder ein Instrument den Einsatz geben, wäre es zwar leichter, aber aus den Sängern, die gemeinschaftlich und demokratisch den Wiedereinsatz suchen, würden Signalempfänger, die nur reagieren.
Dieser Moment ist für die andere Gruppe die Mitte ihrer Pause, der Moment der tiefsten Entspannung, bevor sich ihr Einsatz wieder nähert. Dieser Wiedereinsatz erfolgt im direkten Anschluss, was es einfacher macht. Und es ist auch nicht nötig, sich mit dem zweiten Halbvers so intensiv zu beschäftigen wie mit dem ersten, weil der zweite Halbvers wiederholt, was im ersten gesagt wurde, sei es einfach mit anderen Worten oder durch die Verneinung des Gegenteils oder eine Ergänzung.
Es gibt in der Bibel noch mehr Texte, die diese Struktur aus Versen und Halbversen aufweisen und die deshalb wie Psalmen gesungen werden können. Zur Unterscheidung von den Texten im Buch der Psalmen werden sie Cantica genannt, das bekannteste unter ihnen ist das Magnificat, der Lobgesang Mariens (Lk 1,46-55), das in jeder Vesper gesungen wird.
Das funktioniert alles auf einem Ton, aber ich persönlich finde es doch etwas langweilig, eben eintönig. Musikalischer wird es, wenn man den Psalm auf einen Psalmton singt: Ein Psalmton ist ein Melodiemodell zum Singen der Psalmen. Auch hierbei wird der meiste Text auf nur einem Ton gesungen, eine kleine Melodie gibt es nur am Ende der beiden Halbverse. Ist der Psalm zum Singen eingerichtet, ist die Silbe, die den Rezitationston verlässt, unterstrichen. Ob es da nach oben oben oder unten geht, hängt vom Psalmton ab. Welchen Psalmton man nimmt, hängt von der Tonalität des Kehrverses ab, der vor und nach dem Psalm gesungen wird. Der Kehrvers fasst den Psalm zusammen, indem er einen Aspekt bzw. wichtigen Vers herausgreift, oder er stellt einen neuen Zusammenhang her, z.B. zu einer Aussagen des Neuen Testaments oder zum Leben eines Heiligen.
Nach frühmittelalterlicher Musiktheorie reichen acht verschiedene Psalmtöne aus, um zu allen Kehrversen einen passenden Psalmton zu haben. In Wirklichkeit sind es ein paar mehr. Diese acht mittelalterlichen Psalmtöne sind die Vorlage für die Psalmtöne im Gotteslob und im Antiphonale zum Stundenbuch. Das ist möglich, weil die Betonungen in deutschen Wörtern ähnlich verteilt sind wie in lateinischen. Die Franzosen mussten sich neue Psalmtöne ausdenken. Und das ist nicht so einfach, denn wenn sie zu einfach sind, wird man ihrer schnell überdrüssig, und erst recht, wenn sie zu kompliziert sind. Auch die Psalmtöne für Latein musste man für Deutsch etwas vereinfachen, weil man im Deutschen nicht so gerne und so flüssig mehrere Töne auf einer Silbe singt.
Trotzdem sind die acht Psalmtöne erstmal eine Hürde, wenn man Psalmen singen will. Doch der Gewinn ist nicht nur etwas musikalische Schönheit: Das Markieren des Endes des ersten Halbverses mit einer kleinen Melodie macht für alle hörbar, dass jetzt die wichtige Pause kommt, und verhindert, dass die da reinsingen, die schon über den Text meditieren. Und die Melodie am Ende des Verses weckt die andere Häfte des Chores aus ihrer Entspannung und gibt das Zeichen für ihren Wiedereinsatz. So kann aus dem gemeinsamen Singen ein Meditieren und eine Quelle geistlicher Nahrung und Kraft für unsere Berufung werden.

Volker Nebel

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