Dominikaner halten unter irakischen Christen die Hoffnung lebendig

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Radio Vatikan hat vor Kurzem einen Beitrag auf seiner internationalen Internetseite über die Arbeit der Dominikanischen Familie im Irak gebracht. Er beruht auf den Eindrücken, die Brian Pierce OP und Timothy Radcliffe OP von ihrer Reise Anfang Januar  mitgebracht haben. Ihr  Bericht wurde von Sr. Maria Markus vom Institut St. Dominikus in Speyer übersetzt und zur Verfügung gestellt.

„Auf Einladung von Bruder Amir Jaje OP, dem Vikar des Arabischen Vikariates der Provinz von Frankreich, besuchten wir vom 8. bis zum 16. Januar den Irak. Es ist uns vollkommen klar, dass unser Verständnis dieses komplexen und schönen Landes und seines Leidens nur sehr oberflächlich ist, aber wir möchten Ihnen trotzdem berichten, was wir gehört und gesehen haben, nämlich die Hoffnung, die unsere Brüder und Schwestern am Leben hält, und was wir zu ihrer Unterstützung tun können. Vergeben Sie also bitte manche Ungenauigkeiten.

Unsere Brüder und Schwestern gehören zu einer der ältesten christlichen Gemeinschaften in der Welt, die fast bis auf die Zeit von Christus zurückgeht. Es sind unsere Vorväter, und wir müssen in dieser schrecklichen Zeit deshalb bei ihnen sein. Auch ist das Leiden des Irak symptomatisch für die Krise unserer ganzen Welt. ISIS, oder Da’esh, wie sie gewöhnlich im Irak genannt wird, ist ein Kind unserer Zeit. Ihre Gewalttätigkeit rührt, wenigstens teilweise, von der Gewalttätigkeit der westlichen Kultur mit ihrer Liebe zu den Waffen her. Die Dschihadisten sehen sich liebend gern unsere Filme mit ihrem unaufhörlichen Töten an. Wir sind etwas mitverantwortlich für das, was dort geschieht. Unsere Invasionen lösten die Krise aus, die das irakische Volk nun erleidet.

Wir begannen in Bagdad. Eine Reise-Website hatte uns geraten, dort keinesfalls hinzufahren, oder falls, wir es doch täten, innerhalb der befestigten Grünen Zone zu bleiben, wo fast alle Ausländer untergebracht werden. Wenn man außerhalb dieser Zone reist, wird einem geraten, entweder Hubschrauber oder gepanzerte Autos als Transportmittel zu benutzen. Die Brüder und die Schwestern besaßen keines von beiden! Als wir mit unserem Bruder Amir um Bagdad herumfuhren, erlebten wir kein einziges Mal irgendwelche Spannungen, noch fühlten wir uns bedroht. Überall wurden wir herzlich willkommen geheißen mit einer Großzügigkeit, über die man staunen muss, wenn man bedenkt, welche Rolle unsere Länder bei der Explosion gespielt haben, die dieses Land nun auseinanderreißt.

Natürlich ist man nicht ganz sicher: Während unseres Aufenthaltes gab es sogar Selbstmordattentate und Entführungen. Aber die wirksamste Waffe des Terrorismus ist der Terror. Wenn wir uns durch den Terror daran hindern lassen, diese Stadt zu besuchen, oder wenn der Terror uns hinter den hohen Mauern einer uneinnehmbaren Festung gefangen hält, dann haben die Terroristen gewonnen. Manche Iraker haben das Gefühl, dass man sie vergessen und im Stich gelassen hat; aber wenn man unsere Brüder und Schwestern im Irak besucht, dann wird man unbeschreiblich herzlich willkommen geheißen. Nach Bagdad flogen wir nach Erbil, wo wir eine Delegation von drei Dominikanerinnen, Dusty Farnan, Marcelline Koch und Arlene Flaherty, trafen, die die Flüchtlingslager in Kurdistan besuchten. Wir genossen die unvergessliche Gastfreundschaft von Schwester Maria Hanna, der Generalpriorin, und ihrer Gemeinschaft mit ihren wunderbaren und schönen Schwestern.

WAS WIR GESEHEN HABEN

Die Zahlen und Statistiken betäuben einen. 500 000 Christen und Jesiden und eine Anzahl moderater Muslime flohen Anfang August 2014 aus der Stadt Mossul, als Da’esh (ISIS) durch die Ninive-Ebene fegte. Einige Tage danach wurden innerhalb von wenigen Stunden die Dörfer Qaraqosh und Bartola von Christen geleert, als die ISIS-Truppen auf diese beiden, vor allem christlichen Gemeinschaften zumarschierten. Es blieb keine Zeit, sich auf diesen tragischen Exodus vorzubereiten. Die Menschen flohen nur mit dem, was sie zusammen raffen konnten, mit Autos oder zu Fuß, in die Richtung der kurdischen Region des Irak.

In einem der Flüchtlingslager trafen wir ein Ehepaar, dem ein ISIS-Kämpfer das Baby aus den Armen der Mutter gerissen hatte, als sie in einem Bus Qaraqosh verließen. Niemand weiß, wo das Baby hingekommen ist. Ein katholischer Pfarrer, der nun eines der Flüchtlingslager in Ankawa leitet (das „Lager“ ist nichts anderes als die dunkle und feuchte Bauruine aus Beton eines unfertigen Einkaufsmarktes) erzählte uns, dass von den vier Kirchen in Mossul, an denen er gearbeitet hatte, eine zu einem Waffenlager umgewandelt worden wäre, während die drei anderen als Gefängnisse und als Folterorte benutzt würden.

Wir hörten herzzerreißende Geschichten über muslimische langjährige Nachbarn und Freunde, die zu Verrätern geworden waren, als ISIS durch diese vorherrschend christlichen Städte und Nachbarschaften gefegt war. Einige ihrer muslimischen Nachbarn haben sogar ihre früheren christlichen Nachbarn angerufen und sie verspottet: “Wir haben nun Eure Häuser und wir verkaufen die Waren, die Ihr in Euren Geschäften zurück gelassen habt.“ Wir trafen einige Menschen, die an der Hoffnung festhalten, dass sie einmal zurückkehren können, andere sagten, der Verrat von ehemaligen Freunden und Nachbarn hätte solche Wunden geschlagen, die niemals mehr heilen würden.

Einer der Bischöfe in Kurdistan sagte uns, dass jeden Monat ungefähr 1800 Christen das Land verließen wegen der Gewalt und weil es von der irakischen Regierung keine wesentliche Hilfe gibt. Einige lassen sich, wenigstens vorübergehend, in den benachbarten Ländern nieder (vor allem im Libanon und in Jordanien) während andere nach Europa, Australien oder Nordamerika gehen. Oft sind es die höher Gebildeten, die fliehen. Für viele ist das der Beginn eines Lebens im Exil, in dem sie die Hoffnung auf die Möglichkeit, ihre Heimat je wiederzusehen, aufgeben. Manche Christen sagen, sie müssten um ihrer Kinder willen fliehen. Die Ärmsten bleiben zurück, aber einige Christen und gemäßigte Muslime bleiben bewusst da, obwohl sie die Mittel hätten zu fliehen, und widmen sich der schwierigen Aufgabe, beim Aufbau eines neuen Iraks mitzuhelfen. Der Mut unserer dominikanischen Brüder und Schwestern, die dableiben, um zusammen mit ihrem Volk die Zukunft aufzubauen, ist ein mächtiges Zeugnis ihres Glaubens an Gottes beständige Hilfe und Gnade.

Man sagte uns, dass die lokalen kurdischen Behörden jetzt angefangen hätten, die Grenzen vor neuen Flüchtlingsströmen zu schließen, so dass diese keinen Ort mehr haben, an dem sie Asyl und Sicherheit finden können. Ungefähr 120 000 Flüchtlinge wohnen nun in Ankawa (einem christlichen Vorort von Erbil) in ein-Zimmer-Wohnungen (Caravans genannt), die etwa die Größe eines Wohnwagens haben. In manchen Unterkünften sind je zwei Caravans durch ein gemeinsames Badezimmer verbunden, in anderen Unterkünften gibt es nur die für alle gemeinsamen Waschräume und Duschen. Manche Leute sind krank, sie haben Erkältungen und andere Krankheiten wegen des ungewöhnlich kalten Winters in diesem Jahr und wegen der gefährlichen Lebensumstände. In manchen Familienwohnwagen leben acht bis zwölf Familienmitglieder. Man erzählte uns von einer großen Familie mit 26 Personen, die alle zusammen in einem einzigen Caravan wohnen, eine fast unerträgliche Situation.

Das größte Lager – die Ankawa Mall – beherbergt 400 Familien, etwa 1700 Personen. Sie hatten die gute Idee, eine Fläche frei zu halten, die als Café dient, wo die Leute sich ausruhen und sich mit Domino-Spielen vergnügen können. Wir beide wurden dabei haushoch geschlagen! Die Dominikanerinnen von St. Katharina arbeiten zusammen mit zwei Priestern und einem Bruder von einer anderen Kongregation in einem neuen Nachbarschaftsviertel in den Vororten von Erbil, wo 200 neu gebaute Häuser für die Unterbringung von Flüchtlingsfamilien vermietet werden.

Leider waren sie in ihrer neuen Umgebung nicht ganz sicher vor der Gefahr von Gewalttätigkeiten. Ein Selbstmordtäter, ein fundamentalistischer kurdischer Muslim, sprengte sich vor einigen Wochen in Erbil in die Luft. Dadurch wurde bei ihnen erneut die Angst geweckt, dass sie auch in den Grenzen ihrer „neuen Heimat“ als Flüchtlinge nicht ganz sicher sein können.

Man schätzt, dass ungefähr 18 % der kurdischen Muslime einer fundamentalistischen Sekte angehören.

Die psychologische und geistige Belastung dieser Flüchtlinge ist beunruhigend; denn ihre Zukunft ist so unsicher. In einem Lager beobachteten wir, wie etwa 30 bis 40 verzweifelte Flüchtlinge vor einem der Priester, die in dem Lager arbeiten, protestierten und um Antworten und Unterstützung bettelten. Der Priester stand geduldig vor ihnen da, hörte ihre verzweifelten Hilfeschreie freundlich an und konnte ihnen nur wenig auf ihre ängstlichen Forderungen antworten. Der größte Schmerz besteht darin, dass man ihnen ihre menschliche Würde nimmt. Ihre Nöte und Bedürfnisse sind einfach überwältigend. Der Heroismus der Hilfskräfte, der freiwilligen Ärzte, der Krankenschwestern und Apotheker, der Priester und Ordensfrauen, von denen viele selbst Flüchtlinge sind, ist unter diesen Umständen unglaublich berührend.

Die jesidischen Flüchtlinge, die viel von kirchlichen Hilfsagenturen versorgt werden, leiden unter einer zusätzlichen Belastung; denn sie werden von vielen ihrer Nachbarn als Teufelsanbeter angesehen. Die Kirche hat die Führer der Muslime aufgefordert, viel deutlicher als bisher den Vorwand für Gewaltanwendung aus Religionsgründen zu verurteilen. Während manche behaupten, der Islam sei eine Religion des Friedens, sagen andere, dass er eine Religion sei, die aus Gewalt entstanden ist und dass er nicht aufhören wird, bis alle „Ungläubigen“ bekehrt oder ausgerottet sind. Gemäßigte Muslime jedoch haben ihren christlichen und jesidischen Nachbarn mutig beigestanden, haben an ihren Kämpfen teilgenommen und den Flüchtlingen ihre Hilfe angeboten.

Wenige Iraker trauen den westlichen Nationen. Sie verlangen, dass diese die Verantwortung für diese Krise übernehmen, während die Kriegsspiele um die Kontrolle über die großen Ölvorräte der Region sogar noch weitergehen. Der muslimische Fundamentalismus, nutzt, mit finanzieller Unterstützung durch Saudi Arabien und Qatar, die Gier und die wirtschaftliche Unersättlichkeit des Westens als Vorwand für seine eigenen selbstsüchtigen und gewaltsamen Ziele.

Wir warend zufällig im Irak, als in Paris das brutale Massaker im Charlie Hebdo Studio stattfand. Die Kampagne „Je suis Charlie“ hallte im ganzen Irak und in seinen Nachbarländern wider. Das wird nur zu noch mehr Gewalt führen. Eine irakische Dominikanerin sagte dazu: „Während man in Paris für die Meinungsfreiheit auf die Straße geht, werden wir hier umgebracht aus Rache für die Cartoons.“ Die Dominikaner in Ankawa hielten eine zweistündige Gebetsvigil aus Solidarität mit den Opfern des Massakers in Paris, womit sie auf die Bitte des Papstes um kluge Zurückhaltung reagierten. Meinungsfreiheit ist kein „Recht“, das nichts zu tun hätte mit sozialer Gerechtigkeit, mit Gewaltlosigkeit und sittlicher Verantwortung. Beleidigungen, auf die man mit weiteren Beleidigungen reagiert, werden zu noch mehr Gewalt führen. Wir Christen müssen zeigen, dass Gewaltlosigkeit die Macht hat, die Welt zu verändern und eine neue Zeit des Friedens heraufzuführen.

Es wurde viel von Leuten aus dem Westen gesprochen, die sich ISIS oder anderen internationalen dschihadistischen Gruppen anschließen. Auch wenn wir radikalisierte Jugendliche nicht immer daran hindern können, sich in den Mittleren Osten aufzumachen, scheint es doch nicht sinnvoll zu sein, diejenigen, die, durch das gewaltsame und extremistischen Auftreten des Islam desillusioniert, in den Westen zurückkehren, festzunehmen oder zu bestrafen. Wir müssen diese Jugendlichen aufnehmen und ihnen dabei helfen, ihre Verwundungen aus dem Krieg zu heilen. Nur Erziehung und praktische Gerechtigkeit werden den Fundamentalismus besiegen. Schließlich könnten diejenigen, die desillusioniert wegen der Gewaltsamkeit von ISIS, heimkommen, vielleicht die besten Prediger für andere Jugendliche werden, die in Versuchung kommen, sich diesen gewalttätigen Gruppen anzuschließen.

Der Zugang zu Schulen und Universitäten wird als einer der wichtigsten und dringendsten Schritte angesehen, die gemacht werden müssen, um die Zunahme des gewaltsamen Fundamentalismus aufzuhalten. Ein Bischof in Kurdistan sagte, es wären unbedingt 30 bis 40 Universitäten und viele Krankenhäuser nötig, wenn man die Flucht aller verfolgten Iraker in andere Länder verhindern wollte.

WELCHE HOFFNUNG GIBT ES?

Die Frage, die uns unaufhörlich während unseres Aufenthaltes quälte, war: Wie können unsere Brüder und Schwestern die Hoffnung im Irak am Leben halten? Man sagte uns oft, dass es im Arabischen für die Hoffnung zwei Wörter gäbe: „Amal“ drückt den normalen Optimismus aus, dass schon alles gut gehen werde; „Raja“ drückt eine tiefere Hoffnung aus, die sich auf das Vertrauen auf eine Person gründet, vor allem auf Gott. Die meisten dieser Christen haben „amal“ ganz verloren. Sie sehen für sich keine Zukunft außer einem traurigen Exil in einem fremden Land. Ein Bischof sagte uns, selbst die Babys im Mutterleib würden sich danach sehnen wegzugehen.

Aber es gibt Anzeichen dieser tieferen Hoffnung, „raja“, obwohl es nicht klar ist, wie sich diese Hoffnung erfüllen könnte. Schon das Bleiben im Irak ist ein Hoffnungszeichen. Ein Chemielehrer sagte zu einer unserer Schwestern:   „Warum seid Ihr noch hier? Frankreich wird Euch doch aufnehmen.“ Als viele seiner Jünger flohen, sagte Jesus zu Petrus: „Willst Du auch gehen?“ (Jh 6,67).

Petrus blieb. Jesus bleibt uns treu, und das Bleiben ist ein mächtiges Hoffnungszeichen, wenn so viele weggehen. Wer weiß, was wir in dieser Situation täten? Wenn wir Kinder hätten, würden wir es dann wagen, zu bleiben und ihre Zukunft zu gefährden? Es stand uns nicht zu, Mitglieder dieser uralten christlichen Gemeinschaft zum Bleiben zu drängen und so ihre einzigartige Tradition am Leben zu erhalten. Aber wir hofften eben doch, dass einige bleiben würden.

Eine Quelle der Hoffnung ist, dass manche Muslime sagen, der Irak, so wie sie ihn liebten, wäre am Ende, wenn die Christen weggingen. Das Verhältnis zwischen den Gläubigen verschiedener Religionen war das Herz der irakischen Identität. In einem muslimischen Restaurant in Bagdad, wo „Gefülltes Huhn“, „Schaf mit Reis“ und „Hühnerklein“ angeboten wird, gab es ein Bild vom Letzten Abendmahl mit Christus und seinen Jüngern, und vor einer Ikone mit der Jungfrau und ihrem Kind brannte ein Licht. Vor etwa hundert Personen, von denen 70 % Muslime waren, hielten wir in Bagdad eine öffentliche Vorlesung. Die Hörer baten darum, die Christen sollten bleiben. Ein junger Mann sagte: „Warum sollen wir darüber diskutieren, ob die Christen weggehen oder bleiben sollen? Sie waren doch schon hier, bevor wir Muslime herkamen.“

Es lässt einen Hoffnung schöpfen, wenn das Christentum manchmal von Muslimen als eine Religion des Friedens anerkannt wird. Als Soldaten auf der Suche nach Waffen in eine christliche Wohnung in Bagdad kamen und dort eine Weihnachtskrippe sahen, sagten sie: „Ihr seid Jesus. Hier gibt es keine Waffen.“ Und sie gingen sofort wieder weg. Anscheinend waren es vor allem Christen, die Jesiden aufnahmen und mit ihnen kollaborierten. Die Christen haben etwas ganz Wesentliches beizutragen, wenn die irakische Gesellschaft zu einer neuen Einheit finden soll.

Man erzählte uns, dass viele Muslime dieses Jahr Weihnachtsbäume gekauft hätten. Natürlich geht das wahrscheinlich auf den vorherrschenden Einfluss des Westens in den Medien und deren Bild von Weihnachten zurück. Aber für viele Muslime, besonders die Schiiten, war das auch ein Ausdruck einer gemeinsamen Verehrung: Muslime und Christen standen zusammen vor dem Baum, wünschten sich etwas und ehrten so den Propheten Jesus.

Hoffnung zeigt sich bei dem einfachen Entschluss, jeden Morgen aufzustehen und das zu tun, was heute getan werden muss. Nouiran, einer der Brüder sagte: „Hoffnung bedeutet, dass ich jetzt lebe; egal was morgen passiert.“

Diese Hoffnung scheint durch beim christlichen Engagement, sich immer weiter um andere zu kümmern, selbst wenn die eigene Zukunft so unsicher ist. In einer Klinik in einem vernachlässigten Lager trafen wir eine Frau, die früher drei Apotheken besaß, bis zu der schrecklichen Nacht, als ISIS kam. Jetzt arbeitet sie ehrenamtlich bei der Ausgabe der wenigen Medikamente, die es gibt, mit.

Sie sagte: „Ich habe alles verloren. Aber ich habe gelernt, dankbar zu sein für das Wenige, das bleibt. Deswegen bin ich hergekommen.“

In Bagdad wurden wir überwältigt bei Besuchen in zwei Heimen. Schwestern von Mutter Theresa leiten ein Heim für Kinder aller Glaubensrichtungen, die wegen ihrer Behinderungen ausgesetzt wurden. Wer könnte jemals das kluge, liebe Gesicht von Nora vergessen, die, ohne Arme und Beine geboren, mit Hilfe eines Löffels zwischen den Zähnen, jüngere Kinder füttert? Zwei geweihte Jungfrauen kümmern sich um 60 ältere wohnungslose Frauen aller Glaubensrichtungen, mit denen wir zusammen beteten und lachten. Die Freude an diesen Orten ist ein Sakrament der Hoffnung für eine neue Welt.

Wir besuchten zwei Zentren für Flüchtlinge, mit den Namen „Weinberg“ und „Hoffnung“, die von den Brüdern eingerichtet wurden. Unsere Brüder Nageeb und Sarmad erklärten uns, dass es sehr wichtig ist, dass jede Familie eine Wohnung mit einer Tür und einem Fenster hat. Man muss hinaussehen können, aber die menschliche Würde braucht auch einen privaten Raum. Hier sind die Flüchtlinge selbst dabei, Not-Caravans und Wohnungen zu bauen. Eine Arbeit, durch die sie etwas Geld verdienen, die ihnen aber vor allem Würde verleiht, was noch wichtiger ist.

Man stärkt die Hoffnung dieser Menschen, wenn man an sie denkt. Man kann sich kaum vorstellen, welche Hoffnung den Menschen in einem dieser Lager geschenkt wurde, als am Weihnachtsabend bei ihnen das Telefon läutete und Papst Franziskus am Apparat war, um ihnen zu sagen, dass sie nicht vergessen sind. Lasst uns auch an sie denken und so zu einem Zeichen Gottes werden, der niemals jemand vergisst.

„Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde, ich vergesse dich nicht.

Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern habe ich immer vor Augen“ (Is 49,15f).

Bei unseren Besuchen in diesen und anderen Zentren waren wir beeindruckt davon, wie unsere Brüder und Schwestern die Namen und Geschichten von so vielen Menschen kannten. Es gibt geradezu ein Hunger danach, erkannt zu werden. Viele NGOs behandeln die Menschen nur als Nummern, die materielle Bedürfnisse haben, statt sie als würdige Kinder des Gottesvolkes zu sehen, deren Namen Gott alle kennt.

Die Erinnerung an die Vergangenheit kann auch ein Zeichen dafür sein, dass man auf die Zukunft hofft Es muss nicht unbedingt alles so bleiben, wie es heute ist. Unser Bruder Nageeb hat es eben geschafft, die jahrhundertealten Archive des Vikariats unter der Nase von ISIS wegzuschnappen. So wird die Erinnerung an die Vergangenheit doch wach gehalten. Das hilft uns, daran zu denken, dass wir auch in der Vergangenheit Krisen überlebt haben.

Das interessanteste Hoffnungszeichen war der Einsatz für die Erziehung und Ausbildung. Wenn ISIS nur militärisch besiegt wird, wird es in anderer Form wieder auferstehen. Der eigentliche Feind ist der blinde Fundamentalismus, der die Gewalt schürt. 2012 gründete der Dominikaner Yousif Thomas Mirkis, der jetzige Erzbischof von Kirkuk, die Akademie für Geisteswissenschaften in Bagdad (Academy of Human Sciences). Sie hat 500 Studenten, hauptsächlich Muslime. Sie studieren Philosophie, Soziologie, Anthropologie, so wie auch Englisch und Französisch. Sie erwerben dort Zertifikate von DOMUNI, unserer Internet Universität. Ist es verrückt, Vorlesungen über Wittgenstein zu hören, wenn ISIS gleichzeitig Menschen köpft? Aber in dieser stürmischen und gewaltsamen Zeit muss die Kirche an ihrem Glauben an die Vernunft festhalten. Das Logo der Akademie ist das dominikanische Wappen, mit einem Schreibstift in der Mitte, der ein großes Fragezeichen stützt. Dazu sagte Erzbischof Mirkis zu uns: „Wir brauchen unbedingt Orte, an denen die Menschen den Sauerstoff von Diskussionen und Debatten einatmen.“ Hier wird diskutiert, ob es stimmt, dass „Je suis Charlie“ nur bedeutet, dass man einen Slogan ableiert. Die Kirche hält am Glauben an die Vernunft fest, während manche andere nur nach Gewalt rufen. Intelligenz kann die Mauern von Vorurteilen und Dummheit durchbrechen.

Unsere Zeitschrift „Christian Thought“ („Christliches Denken“) wird viel von Muslimen gekauft, die mit uns nachdenken und diskutieren möchten. Es geht nicht darum, christliches Gedankengut zu verbreiten, sondern darum, dass die christliche Tradition der Reflektion Raum für Dialoge schaffen kann. Vor 800 Jahren studierten im alten Bagdad christliche, muslimische und jüdische Gelehrte zusammen. Bruder Amirs Bemühen um den Dialog mit den schiitischen Gelehrten in Najef, im Süden des Irak, ist ein Zeugnis der Hoffnung. Einer von uns nahm im Dezember an einem Gipfeltreffen von christlichen und muslimischen geistlichen Führern in Rom teil, wo viele Schiiten mit Zustimmung und Respekt von seiner Arbeit sprachen.

Im nördlichen Ankawa besuchten wir Babel College, an dem viele unserer Brüder und Schwestern unterrichten. Zwei unserer Schwestern sind in Oxford und Notre Dame in Bibelwissenschaften promoviert worden. Was für ein wunderbarer, weitsichtiger Ausdruck von Hoffnung, wenn man unter diesen schrecklichen Umständen Gelehrte ausbildet! Drei Professoren an diesem christlichen Kolleg sind Muslime. 120 Laien sind im Laien-Programm (?)

Auch Schönheit macht die Hoffnung sichtbar angesichts der Hässlichkeit der Gewalt. Wir verbrachten einen sehr eindrucksvollen Nachmittag in Bagdad, als wir die Kirche „Unserer Lieben Frau von der Erlösung“ („OUR LADY OF DELIVERANCE“) besuchten. Dort wurden am 31. Oktober 2010 47 Kirchenbesucher und zwei Priester während der Eucharistie ermordet. Gleichzeitig starben die fünf Selbstmordattentäter, die sich beim Eindringen in die Kirche in die Luft sprengten. Während unseres Aufenthaltes in der Kirche trafen wir eine Frau, die bei diesem Angriff angeschossen wurde, wobei sie das Kind in ihrem Leib verlor. Die neue Kirche, die wunderschön wieder aufgebaut wurde, mit feiner Holzarbeit, mit den Namen der Toten an den Wänden eingeschnitzt, ist ein Siegeszeichen der Wiederauferstehung, wenn das tote unfruchtbare Holz des Kreuzes zu blühen beginnt, wie das im Irak geschieht. Wir glauben, dass das Blut der Märtyrer fruchtbar sein wird.

In den Lagern schließlich gibt es viele Kinder, deren Lachen beim Spielen uns mit Hoffnung erfüllte. In Bagdad besuchten wir zwei Krankenhäuser, die von den Dominikanerinnen von der „Präsentation“ („of the Presentation“) und von „St. Katharina“ geleitet werden. In beiden gibt es eine Entbindungsstation. Hier werden die zukünftigen Bürger des Irak geboren, Christen und Muslime nebeneinander. Eine Ordensfrau, eine Hebamme, wurde uns als „die Mutter des Irak“ vorgestellt.

Als wir die Lager im Norden besuchten, kamen die Kinder auf uns zu gesprungen, um diese Fremden in den weißen Habiten zu begrüßen. Sie waren aus ihrem Zuhause gezerrt worden, waren um ihr Leben geflohen und leben nun im Schmutz, aber sie waren von einer zutraulichen und vertrauensvollen Spontaneität, die es bei westlichen Kindern nicht mehr immer gibt. Kurz vor der Kommunion nach dem chaldäisch-katholischen Ritus kamen zwei Kinder zum Altar, wo sie vom Priester das Friedenszeichen erhielten, das sie dann der Gemeinde weitergaben. Vielleicht sind diese Kinder die Friedensboten der Zukunft, auch wenn wir überhaupt noch nicht wissen, wie diese aussehen könnte.

WAS KÖNNEN WIR TUN?

Das ist eine Frage, die wir den Brüdern und Schwestern immer wieder stellten. Oft war darauf die Antwort: „Erzählt den Menschen, was hier wirklich geschieht.“ Das ist ja unser Motto: VERITAS.

     Die Wahrheit ist, dass hier eine riesige menschliche Katastrophe geschieht, die Millionen von Leben zerstört.

Die Wahrheit ist, dass dieses Unglück größtenteils ausgelöst wurde durch die ungeschickten Interventionen des Westens in dieser Region, wobei dieser vor allem eigene Interessen verfolgte.

Die Wahrheit ist, dass die Konfrontation mit ISIS Symptom einer Krise ist, die die ganze Menschheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts heimsucht, da traditionelle Kulturen mit der Moderne konfrontiert werden.

Die Wahrheit ist, dass die Gewalttätigkeit von ISIS die böse Konsequenz der Gewalt eines Wirtschaftssystems ist, das immer größere Ungleichheiten zwischen den Nationen und innerhalb der Nationen schafft. Wir sollten unsere Politiker informieren, sie auffordern, den Irak zu besuchen und sich um eine Lösung dieser Katastrophe zu bemühen.

Zweitens bitten uns die Dominikaner des Irak um unser Gebet. Manche von ihnen beten täglich: „Wie lange, Herr, wie lange noch?“ Wir sollten den Himmel mit unseren Gebeten bestürmen, wie die aufdringliche Witwe, die an die Tür des Richters schlug, bis er ihr gab, was sie wollte (Lk 18,2f). Wir müssen oft und eindringlich um Frieden im Irak und für seine Christen beten, in unseren Gemeinschaften, in unseren Pfarreien, an unseren verschiedenen Niederlassungen.

Drittens wäre es wunderbar, wenn einige der weiten Dominikanischen Familie unsere Brüder und Schwestern im Irak besuchten und die Menschen kennenlernten, für die diese dort arbeiten. Auf den Stickern, die der Orden im letzten Irakkrieg verteilte, stand: „Wir haben im Irak Familie.“ Das haben wir immer noch. Kommen Sie, besonders, wenn Sie Fähigkeiten haben, mit denen Sie den Flüchtlingen helfen könnten, wenn Sie eine Krankenschwester sind oder ein Arzt oder jemand, der sich mit der Behandlung von Traumata gut auskennt. Vielleicht könnten kleine Gruppen von jungen Leuten für einige Wochen herkommen und mit den Jugendlichen in den Lagern ihre Erlebnisse und Erfahrungen teilen. Das würde verändernd wirken, sowohl bei denen, die herkommen, wie auch bei denen, die besucht werden. Natürlich ist das etwas riskant, aber wir sollten uns nicht von Angst beherrschen lassen: „Die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht“ (1 Joh 4,18).

Schließlich können wir Geld sammeln, um diesen Flüchtlingen zu helfen, so dass sie mit Würde und Hoffnung leben können. Geld, das die Arbeit der Brüder und Schwestern unterstützt, sollte überwiesen werden an:

 PROVINCE DOMINICAINE DE FRANCE

DOMICILIATION : HSBC FR AGENCE CENTRALE

IBAN : FR 76 3005 6001 4801 4854 2857 016

Code B.I.C. : CCFRFRPP

(Brian Pierce OP und Timothy Radcliffe OP)

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